Sie sind hier: Salz und Geschichte / Miriquidi - Erzgebirge / Glas und Holz

Dieses Buch können Sie direkt vom Autor, Herrn Dr. Albrecht Kirsche unter www.erzgebirgsglas.de beziehen!
Dieses Buch können Sie direkt vom Autor, Herrn Dr. Albrecht Kirsche unter www.erzgebirgsglas.de beziehen!

Glas und Holz: Zur Geschichte der Glashütte im Erzgebirge und ihre Bedeutung für die regionale Holzkunst

Dr. Albrecht Kirsche, Dresden

Im Mittelpunkt dieser Arbeit[1] stehen die vorindustriellen Glashütten des sächsischen und böhmischen Erzgebirges sowie des Vogtlandes. Das Wissen über Glashütten dieser Region erschöpfte sich in wenigen, hauptsächlich frühneuzeitlichen Anlagen. Hinzu kamen einige emailbemalte Renaissancegläser, die man ihnen zuschrieb. Mit der Entdeckung einer Glashütte im Jahr 1979, die in die Zeit um 1200 datiert wurde, begannen intensive Forschungen zu diesem Thema. Neu an der Vorgehensweise war, dass neben einem intensiven Literatur- und Quellenstudium, die Lokalisierung der Standorte im Gelände einen bedeutenden Stellenwert einnahm. Erst dadurch war es möglich weitere Standortfaktoren zu erkennen, das Alter zu bestimmen sowie wichtige Hinweise auf technische Gegebenheiten der Glashütten zu erhalten. In der vorliegenden Arbeit werden die derzeit bekannten Glashüttenstandorte aufgezeigt, in die Regionalgeschichte eingeordnet sowie die technischen Ausrüstungen, Eigentumsverhältnisse und personelle Besetzungen dargestellt. Mit den daraus resultierenden Erkenntnissen sollen die Betriebsformen dieser Glashütten diskutiert und Ansätze für den Technologietransfer im Glasmachergewerbe beschrieben werden. So geht diese Arbeit erstmalig über Einzeldarstellungen hinaus und hinterfragt Aufgaben dieser Hütten, die sie neben Glasherstellung für den Landesausbau und die Waldwirtschaft hatten. Der behandelte Zeitabschnitt erstreckt sich vom 13. Jahrhundert bis zur Umstellung der letzten Glasöfen auf Regenerativgasheizung im Jahr 1889. Die Glashütte Heidelbach dient als Beispiel die technische, wirtschaftliche und künstlerische Entwicklung einer erzgebirgischen Glashütte über fast 350 Jahre zu verfolgen. Neben der Differenzierung des Glasmacherberufes werden auch das Sesshaftwerden der Glashütte und die Problematik der Holzbereitstellung untersucht. Die Nähe dieser Glashütte zum Spielzeugdorf Seiffen lassen Verbindungen von Glasmacherei und der Holzdrechselkunst vermuten. Es stellt sich die Frage, ob die Entstehung des für Seiffen typischen Reifendrehens, dessen Wurzeln bisher unbekannt waren, mit dieser Glashütte in Verbindung stand. Somit berührt diese Arbeit technik-, landes- und  wirtschaftshistorische sowie landes- und volkskundliche Aspekte.

Schriftliche Quellen zu den frühesten Hütten im Erzgebirge fehlen. Durch Analysen der Gründungsphasen erzgebirgischer Zisterzienserklöster (Altzella, Grünhain, Ossegg*) und mit Hilfe der Regeln des Zisterzienserordens wird versucht, Mönche dieses Ordens als Betreiber der ersten Glashütten zu belegen. Wegeverläufe zwischen dem Kloster Ossegg* und den ältesten Glashüttenstandort sowie Flurnamen und spätere Quellen stützen diese These. Dabei kommen einer Grangie und einem Eremus - die als solche bisher nicht bekannt waren  - eine wesentliche Bedeutung zu.

Der weitaus größte Teil der Glashüttenstandorte wurde in den letzten Jahren durch ein intensives Quellen-, Literatur- und Kartenstudium ermittelt. Neben expliziten Nennungen  eignen sich vor allem Flurnamen als Hinweise auf mittelalterliche Glashütten. Es können nun insgesamt 103 Glashüttenstandorte belegt werden, von denen lediglich acht als vage eingeschätzt werden. Obwohl ihre Suche sehr mühsam und nur selten von Erfolg gekrönt ist, wurden bei zahllosen Exkursionen in der gesamten Region bisher mehr als 30 Ofenstandorte im Gelände lokalisiert.

Aus den in eine Karte eingezeichneten Glashüttenstandorten ergeben sich Verdichtungsräume, die als Glaserzeugungskreise bezeichnet werden sollen. Ihre Abgrenzung erfolgt im Wesentlichen entsprechend den Grundherrschaftsgebieten. Die Einzelstandorte werden innerhalb der Glaserzeugungskreise behandelt. Dabei wird versucht, auch Glashütten, die derzeit allein aufgrund von Flurnamen zu vermuten sind, anhand historischer Ereignisse und Erfahrungen zeitlich und technisch einzuordnen. Für zahlreiche Glashüttenstandorte ergibt sich eine neue Bewertungen ihres Verhältnisses zum Bergbau, der technischen und personellen Ausrüstung oder ihrer regionalen Bedeutung. In einer Tabelle sind die Glashüttenstandorte einschließlich ihrer Produktionszeiträume, ihrer Hüttenform und Lage aufgeführt.

Selbst im Erzgebirge war die Verdrängung der Glashütten durch den Bergbau nicht so stark, wie bisher angenommen. Obwohl besonders nach Inkrafttreten der Holzordnungen im      16. Jahrhundert die Anzahl der Glashütten reduziert wurde, konnten beide Gewerke auf relativ engem Raum gemeinsam betrieben werden. Diese Festschreibung der veränderten Holzverteilung führte bereits zu dieser Zeit endgültig zur Sesshaftwerdung der Glashütten. Sie entstanden nun in abgelegenen Wäldern, deren Holz nicht durch den Bergbau oder die Bevölkerung genutzt werden konnte. Trotzdem arbeitete  unmittelbar vor den Toren der Bergstadt Marienberg fast 200 Jahre eine Glashütte. Im 18. Jahrhundert wurden Glashütten bei der Holzbereitstellung gegenüber dem Bergbau teilweise bevorzugt. Untersuchungen von Privilegien ergaben, dass über lange Zeiträume die Glashüttenzinsen zwar gezahlt wurden, die Glashütte jedoch nicht arbeitete. Somit ist es nicht möglich, allein anhand eines Glashüttenprivileges auch die Existenz der entsprechenden Hütte nachzuweisen.

Bereits die Einführung erster Glashütten, wahrscheinlich durch die Zisterzienser, zu Beginn des 13. Jahrhunderts kann als Technologietransfer aufgefasst werden. Die Glasherstellung entwickelte sich danach - natürlich auch unter wesentlicher Beteiligung weltlicher Glasmacher ? zu einem für die Region bedeutenden Gewerbe. Vor allem im 16. Jahrhundert löste eine verstärkte Konkurrenz um den Rohstoff Holz und die Festlegung des Grenzverlaufes zwischen Böhmen und Sachsen eine zahlenmäßige Absenkung der Glashütten aus. Dies führte zu einer verstärkten Bereitschaft zahlreicher Glasfachleute das Erzgebirge zu verlassen. Gleichzeitig versuchten Grundherren im Nordosten Böhmens sowohl die Anzahl ihrer Untertanen zu erhöhen als auch die Wälder intensiver zu nutzen. So wanderten in dieser Zeit besonders viele Glasmacher vom Erzgebirge in diese böhmische Region. Zu den Anpassleistungen gehörten hier, die Möglichkeit das Holz in Schlägen zu roden und die Übernahme des deutschen Glashüttenrechts. Auch auf der Basis dieser Vorteile entwickelte sich das Glasgewerbe sehr günstig, so dass im 17. Jahrhundert zahlreiche, böhmische Glasmacher und Veredler das nun zum Nehmerland gewordene Sachsen  mit ihrem Fachwissen beflügelten.

Jedoch auch andere Migrationsziele verfolgten erzgebirgische Glasmacher in der frühen Neuzeit. So  ging  Peter Hüttel nach Niedersachsen und übertrug seine Kenntnisse zur Herstellung des weißen Glases und der Emailmalerei. Weitere Glasmacher wanderten u.a. nach Brandenburg, Dänemark, Thüringen und in die Schweiz.

Die Untersuchungen der Betriebsformen ergab, dass es sich bei Glashütten nicht um Verlage handelte und - aufgrund des chemo-thermische Kernprozess - auch die Betriebsformen Handwerk und Manufaktur überschritten werden. Eine Periodisierung gelang unter Verwendung der Hüttenformen. Sie ergab, dass in der betrachteten Region die Hüttenform Wanderhütte, die mittelalterlichen Glashütten repräsentiert. Sie trug, bewertet an den Kriterien  Eigentumsverhältnisse, Betriebsgröße und Mechanisierungsgrad Züge des Handwerks. Wanderhütten, die nach ihren Eigentümern in Klosterhütte und weltliche Wanderhütten unterschieden werden, waren wesentlich an der Herrschaftsmarkierung und Siedlungsvorbereitung beteiligt. Waldhütten hatten hier somit Funktionen, die über ihre eigentliche Aufgabe - Glas herzustellen - hinausgingen. Nachdem sich die Grenze zwischen Böhmen und Sachsen herausgebildet hatte und zudem der Bergbau an Bedeutung gewonnen hatte, wurden einige der hiesigen Glashütten sesshaft. Diese Hütten hatten nicht mehr die Aufgabe große Lichtungen zu schaffen, sondern Wälder von schlechtem und faulen Holz zu befreien und sie somit zu kultivieren. Weitere Merkmale dieser Hüttenform waren das Erbgut und die Wechselplätze für die Glasöfen auf dem eignen Grundstück. Um 1700 gingen die Glashütten in den Besitz von Kapitalanlegern über, die nicht mehr mit der Produktion verbunden waren. Die Arbeitsteilung und der Mechanisierungsgrad - vor allem der Veredlungsprozesse - wurden erhöht. Sie entsprachen damit der Hüttenform der Glasmanufakturen, die eine Zwischenform von Bergfabrik und Manufaktur darstellt.

Zweifellos waren Glashütten Holzfresser. Waren sie deshalb auch Waldschädiger? Bei dieser Frage ist von den Perzeptionen zu der jeweiligen Zeit auszugehen. Waldhütten hatten die Aufgabe große Freiflächen zur Gebietsmarkierung zu schaffen und sesshafte Hütten abgelegene Wälder zu pflegen. Mit der Streunutzung zur Aschegewinnung sollte das heranwachsende Holz zur Nutzung für andere Zwecke geschont werden. Eine Berechnung des Holzverbrauches der Glashütte Heidelbach für das Jahr 1815 ergibt, dass man das Prinzip der Nachhaltigkeit nicht verletzte. Der hohe Holzverbrauch schien zur jeweiligen Zeit als nützlich. So können diese Glashütten nicht als Waldschädiger betrachtet werden.

Vergleiche mit anderen Glashüttengebieten sind schwierig, da übergreifende Studien weder für Sachsen noch für Deutschland existieren. Dennoch wurden Sachsen, der Spessart, Thüringen sowie Schlesien und Böhmen dafür ausgewählt. Auf Grundlage der Literatur wird das technische und künstlerische Niveau der Glashütten verglichen sowie ihre Konkurrenzfähigkeit zu den Hütten der betrachteten Region untersucht. Sächsisches Glas wurde, abgesehen von wenigen mittelalterlichen Glashütten, erst seit etwa 1700 außerhalb der Gebirge hergestellt. Diese Glasmanufakturen fertigten jedoch meist hochwertiges Glas. Auf Anregungen des Wissenschaftlers Ehrenfried Walter von Tschirnhaus wurden mit der Herstellung von Glas für wissenschaftliche Zwecke und der Einrichtung von Spiegelschleifen ein Niveau geschaffen, das die Hütten im Gebirge nie erreichten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts häuften sich die Gründungen von Glashütten, die bereits fabrikähnliche Züge trugen, jedoch meist noch direkt mit Holz befeuert wurden. Der Spessart überragte im Mittelalter auch die Glasproduktion des Erzgebirges. Eine Glasmacherzunft, wie den bereits 1406 gegründeten Spessartbund, gab es im untersuchten Gebiet zu keiner Zeit. In Schlesien und Böhmen beförderten im 16. Jahrhundert besonders erzgebirgische Glasmacher die Glastechniken, was zu einer raschen Niveauangleichung führte. Auch durch günstigere Holzpreise, kostengünstigere Produktionsmethoden und weltweiten Handel gelangte Böhmen an die Spitze der Glasproduktion in Europa. Glashütten im Thüringer Wald entstanden verstärkt erst im 16. Jahrhundert, sie durften im Gegensatz zu den erzgebirgischen Hütten auch gesundes Holz verarbeiten, was einen gewissen Wettbewerbsvorteil darstellte.

Die Glashütte Heidelbach bei Seiffen arbeitete von ca. 1488 bis um 1827. Anhand der Glashüttenbesitzer wird ihre Entwicklung von einer Wanderglashütte bis zu einer dezentralen Glasmanufaktur dargestellt. Es werden die Gewerke aufgezeigt, die zum Betreiben einer Glashütte auf der jeweiligen Entwicklungsstufe notwendig waren. Mit den nachgewiesenen Glasveredler, dem umfangreichen Fundmaterial und den zugeschriebenen Produkten wird es nicht nur möglich die in Heidelbach angewendeten Veredlungsverfahren zu bestimmen, sondern diese auch zu periodisieren. Erst böhmische Fachleute führten die Glasschneidekunst ab 1672 ein. Mit diesen Periodisierungen wird es möglich, die Herkunft einiger Gläser sicherer zu bestimmen. Fragen nach den technischen Ausrüstungen werden, da archäologische Grabungen fehlen, vor allem auf der Grundlage der Kaufverträge erörtert. Die Anwesenheit des ersten Direktors der Meißener Porzellanmanufaktur als Besitzer der Heidelbacher Glashütte und mehrere Porzellanfunde, warfen die Frage auf, ob hier geheime oder aber vom Kurfürsten sanktionierte Porzellanproduktion stattfand. Analysen der Funde und die Beschäftigung mit den beteiligten Personen ergeben, dass an dieser Hütte tatsächlich um 1720 mit Porzellan, vor allem jedoch mit Porzellanfarben experimentiert wurde. Zu einer offiziellen Zusammenarbeit beider Betriebe kam es jedoch nicht.

In früheren Forschungen zur Geschichte der Seiffener Holzkunst fand die Glashütte Heidelbach kaum Berücksichtigung. Die neuen Erkenntnisse zu dieser Glashütte belegen jedoch, dass sie einen bisher nicht beachteten Beitrag zur Verbreitung des Drechselverfahrens in Seiffen leistete und die ersten Drechsler eng mit der Glashütte zusammen arbeiteten. Aufgrund der territorialen Nähe und den daraus resultierenden persönlichen Beziehungen zwischen Glasmachern und Drechslern nahm die Glashütte  Einfluss auf die Seiffener  Holzgestaltung. Konjunkturverläufe der Glashütte, des Drechslergewerbes und des Bergbaues - dargestellt anhand der Beschäftigtenzahlen - zeigen, dass die Niedergänge von Bergbau und der Glashütte etwa zur gleichen Zeit begannen. In dieser Phase fanden auch Glasmacher im Holzdrechseln einen neuen Broterwerb und brachten ihre Fähigkeiten in die spezifische Holzgestaltung ein.

Der früheste urkundliche Nachweis für das Reifendrehen wurde nun für das Jahr 1800 - statt bisher angenommen 1810 - erbracht. Geht man von der Richtigkeit einer Zeitzeugenaussage aus, so wurden Reifen gar schon 1775 gedreht. Da wohl keine Quellen zur Entstehung dieser Technik existieren, ist die Forschung auf den Vergleich analoger Technologien angewiesen. Im Glasformendrehen wurde eine dem Reifendrehen sehr ähnliche Technologie gefunden. Glasformen aus Holz waren besonders für die Heidelbacher Glashütte, notwendig, die serielle Gläser in einer hohen Qualität herstellte. Sie können nun an dieser Hütte bereits für das Jahr 1722 belegt werden. Somit hatte der Glasformendreher in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der Spielwarenmarkt große Serien forderte, genügend Erfahrungen und besondere Fähigkeiten um aus dem Drechseln einfacher Profilringe das komplizierte Reifendrehen zu entwickeln. Entscheidend war dabei die Verwendung nassen Holzes, die nur der Glasformendreher kannte. Ein technologischer Vergleich und ein praktischer Versuch verdeutlichen die zahlreichen, technologischen Gemeinsamkeiten von Glasformen- und Reifendrehen.

Glashütten in der untersuchten Region waren nicht nur Glasproduzenten. Ihnen kamen aufgrund ihres hohen Holzverbrauches wesentliche Aufgaben beim mittelalterlichen Landesausbau und der Waldwirtschaft zu. Die territoriale Überlagerung der Glashütten mit dem Bergbau und die damit im Zusammenhang stehende rasche Besiedlung führten hier zu einer frühen Sesshaftwerdung. Einige Glashütten nahmen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung ihrer unmittelbaren Umgebung, der bei der Drechselkunst im Seiffener Winkel noch heute wirkt.

[1] Diese Arbeit stellt die Zusammenfassung der Dissertation des Autors dar, die unter dem Titel: "Zisterzienser, Glasmacher und Drechsler" im Waxmann Verlag erschien. Siehe auch www.Erzgebirgsglas.de.