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Dieses Buch können Sie direkt vom Autor, Herrn Dr. Albrecht Kirsche unter www.erzgebirgsglas.de beziehen!
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Vom Streit um die Einführung reifengedrehter Waren auf den Dresdner Striezelmarkt

Dr. Albrecht Kirsche, Dresden

Das Reifendrehen wird heute nur noch im Seiffener Winkel ausgeführt, wo auch die Wiege dieser bemerkenswerten Technik stand und heute weltweites Interesse hervorruft. Doch diese Position kam nicht von Ungefähr. Die Märkte mussten erobert werden. Von den Schwierigkeiten, die die Durchsetzung dieser neuen Technik allein in Dresden um 1800 hatte, handelt dieser Beitrag.

Einen der wohl frühesten Hinweise auf das Drechslergewerbe im Erzgebirge hielt der Kartograf  Mathias Öder auf seiner Karte von 1591 fest, indem er bei Rübenau die Flurnamen "Am forder Drechsler weg" sowie "Am hinder Drechsler weg" nennt. In Seiffen werden George Froß, George Hetze und Elias Hetze als erste Drechsler im Jahr 1650 urkundlich erwähnt. In dieser Zeit produzierten Seiffener Drechsler hauptsächlich Gebrauchsgegenstände, wie Spindeln, Teller, Schüsseln und Knöpfe. Eine Spielzeugproduktion kann gegenwärtig für diese Zeit nicht belegt werden. Als Kurfürst August der Starke 1730 für sein "Zeithainer Lager" 30.000 Holzteller benötigte, wurde diese in Neuwernsdorf  gefertigt, da Seiffen nicht über ein leistungsfähiges Drechslergewerbe verfügte. Jedoch auch in diesen Zeiten, in denen dem Seiffener Bergbau eine Hochkonjunktur beschert wurde, arbeitete stets mindestens ein Drechsler in Seiffen, denn die Glashütte Heidelbach brauchte einen Formendrechsler. Nach dieser Hochzeit des Seiffener Bergbaues, verdienten sich die zunehmend mehr Seiffener ihr täglich Brot mit dem Drechseln.

Schauplatzwechsel: Ab Mitte des 18. Jahrhunderts prosperierte die Spielwarenproduktion in Nürnberg derart, dass die Spielwarenhersteller ihre Waren selbst verkauften. So standen sie in Konkurrenz zu den dortigen Kaufleuten. Die Hersteller konnten ihre eigenen Erzeugnisse natürlich zu günstigeren Preisen handeln, als es die Kaufleute vermochten, die einzig von der  Handelsspanne lebten. Folgerichtig suchten die Kaufleute nach neuen, billigeren Produktionsstätten. Glücklicherweise stießen sie dabei auf Sonneberg und später auf Seiffen. Im Zuge des Technologietransfers, entwickelte sich Seiffen zu einem Drechslerort. Nur, die ehemaligen Bergleute konnten keinerlei schöpferische Leistungen einbringen, weder in ihrem Handwerk noch in der Gestaltung von Produkten. So arbeiteten sie anfangs ausschließlich nach Mustern, die ihnen der Heidelberger Kunstdrechsler und Verleger Christian Friedrich Hiemann vorlegte, der eng mit den Nürnberger Kaufleuten zusammenarbeitete. Es ist nicht ausgeschlossen, dass mindestens ein Nürnberger oder Sonneberger Drechsler in Seiffen Unterstützung leistete, um die Qualität der hiesigen Produktion zu verbessern. Seiffener Erzeugnisse gingen noch im 19. Jahrhundert als "Nürnberger Ware" in die Welt.

Im Jahre 1760 erarbeitete der Verleger Christian Friedrich Hiemann bei seinem riskanten Besuch auf der Leipziger Messe, Aufträge für gedrechselte Gegenstände und Spielzeug in ein bis dahin für Seiffen und Umgebung ungeahntem Ausmaß.

Ein Heidelberger oder Seiffener Drechsler, dessen Namen wir leider derzeit nicht kennen, hatte sich wohl mit der Produktion von gedrechselten Holzformen, die die nahe Glashütte Heidelbach als Einblasformen für komplizierte, serielle Gläser benötigte, einen so hohen Erfahrungsschatz angeeignet, dass er damit Profilringe herstellen konnte, von denen Segmente abgespalten werden konnten, deren Profil Halbzeuge auch für die Spielwaren zeigten.

Erst in das Jahr 1810 datiert die erste urkundliche Erwähnung dieser Technik; dem Reifendrehen und lautet:

"Das Principale dieser einzelnen Waarenartikel ist folglich immer ein auf der Drehbank oder mittels der Drehmaschine gefertigter Körper und nur einzelne Accessoria sind als aus freyer Hand gearbeitete Theile anzusehen. Selbst die zu so genannten Städten gehörigen Häußer werden auf der Drehmaschine in großen Reifen ausgedreht und dann blos zerschnitten."

Es erscheint ungewöhnlich, dass sich gerade ein städtisches Amt in Dresden so intensiv mit technischen Fragen der Spielwarenherstellung in Seiffen beschäftigte. Eine erneute Auswertung der Akte ergibt, dass dieser Notiz ein strenge Anordnung des Rates zu Dresden aus dem Jahr 1800 vorausgegangen war, wonach auf dem Dresdener Markt nur gedrechselte Waren angeboten werden durfte, die von Mitgliedern der Dresdener Drechsler-Innung hergestellt wurden. Zur Untermauerung dieser Anordnung drohte man, illegale Produkte zu konfiszieren. So traten auch die Seiffener Händler Samuel Gottlieb Neuber, Christian Friedrich Kempe, Gotthelf Friedrich Fichtner und Frau Johanna Christiane Schmieder aus Heidelberg der Dresdener Drechsler-Innung bei, um im Jahr 1810 ihre Waren auf dem Dresdener Striezelmarkt verkaufen zu dürfen.

Von diesem Verbot waren jedoch geschnitzte Erzeugnisse, so genannte "Tiroler Ware", ausgeschlossen. Dennoch beklagte sich 1810 die "Dresdener Drechsler Innung" über den Dresdener Kaufmann Johann Friedrich Guthmann, der auf dem Dresdener Striezelmarkt widerrechtlich gedrechselte Ware aus Seiffen anböte. Spielwarenhändler Guthmann antwortete dem Rat auf Anfrage, er habe sich,...auf den bereits vor 10 Jahren gegebenen rechtskräftigen Bescheid berufen, Inhalts, welchen diese Seifner Waare nicht für Drechsler, sondern blos für geschnitzte Waaren anerkannt würde.... Demnach hatten Guthmann und andere Händler bereits im Jahr 1800 dem Dresdener Rat reifengedrehte Erzeugnisse vorgelegt und versichert, dass, "...dieses Spielzeug keineswegs gedrechselt, sondern geschnitzt sey und von den Kindern im Gebürge gefertigt würden...". Mit dieser falschen Angabe bekamen sie die Genehmigung für den Verkauf Seiffener, reifengedrehter Ware auf dem Striezelmarkt. In der Tat sind reifengedrehte Tiere im fertigen Zustand sehr schwer - für einen Laien überhaupt nicht - von geschnitzten Tieren zu unterscheiden. In Ungewissheit, ob diese Ware tatsächlich gedrechselt sein könnte, erweckten besonders die eckigen Formen der angebotenen Häuser. Um jegliche Zweifel auszuräumen, begab sich eine Amtsperson der Stadt Dresden nach Seiffen, um sich persönlich zu informieren. Der Beamten berichtete nach seiner Seiffen-Reise dem Dresdener Rat, "... daß es sich tatsächlich um gedrechselte Waare handelt ... die Verfertiger solcher Seyffener Waare haben das selbst ... versichert...". (Es folgt in dieser Akte die oben angeführte technische Verfahrensbeschreibung.)

Selbst danach schrieb Kaufmann Johann Friedrich Guthmann zu seiner Verteidigung 1811 an den Rat: "Daß diejenigen Spielsachen, mit welchen ich und meine Söhne zeithero schon das 36ste Jahr Handel treiben und uns davon nähren keineswegs Drechslerwaaren sind, beweist allein der Augenschein. Es sind insgesamt und zwar größten theils geschnitzte Fabrik Waaren, welche insgesamt in dem gebürgischen Dorf Seifen von unzünftigen Personen gefertigt werden..." 1813 griff der Purschensteiner Grundherr Rudolf von Schönberg in diesen Streit ein und bestätigte dem Dresdener Rat, dass die Seiffener Einwohner "schon seit 40 Jahren und mehr" Holzwaren herstellen, die teils gedreht, teils geschnitzt, geleimt und gemalt sind.

Die Angabe Guthmanns würde bedeuten, dass das Reifendrehen bereits im Jahr 1775 in Seiffen ausgeführt wurde. Außerdem müssen im Jahr 1800 bereits Tierreifen hergestellt worden sein, denn nur reifengedrehte Tiere - nicht aber Häuser - wurden mit dem Messer bearbeitet und konnten als geschnitzte Erzeugnisse deklariert werden.

Ob mit dem Eingreifen des Purschensteiner Grundherren dieser Streit endgültig beigelegt war, ist nicht bekannt. Jedoch wurden reifengedrehte waren zunehmend auf dem Dresdener Striezelmarkt integriert. Bei der Eröffnung des von Oskar Seyffert initiierten ?Landesmuseums für sächsische Volkskunst? war dieser Streit längst vergessen und Seiffener Ware nebst reifengedrehter Erzeugnisse ist aus Dresden, aus dem dortigen Volkskunstmuseum und anderen Orten nicht mehr wegzudenken.  Risikofreudige Leute haben dafür gestritten und verhandelt.

Auf Literatur- und Quellenangaben wurde aus Platzgründen verzichtet. Sie können mit dem Buch nachvollzogen werden: A. Kirsche: Zisterzienser, Glasmacher und Drechsler. Glashütten in Erzgebirge und Vogtland und ihr Einfluss auf die Seiffener Holzkunst. Münster, New York 2005.