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Beten und Arbeiten: Es geht auch gleichzeitig

Obwohl die Schrift schon seit der römischen Antike eine lange Tradition hatte, waren es bis ins Mittelalter hinein die Klöster Europas die Zentren aller Schriftlichkeit. Hier wurden wertvolle Werke aufbewahrt und vervieltfältigt, die Schrift als solches überhaupt gepflegt. In der übrigen Gesellschaft gab es lediglich Schreiber, die im Dienste der Landesherren z.B. Verkaufsurkunden und Gesetzestexte verfassten. Kaufleute führten Aufzeichnungen über ihre Geschäfte. Das einfache Volk war des Lesens und Schreibens größtenteils unkundig.

Der hauptsächliche Grund für die „Schreibwut“ der Mönche war die Religion. Das liegt darin begründet, dass das Christentum, wie das Judentum und auch der Islam, Buchreligionen sind. Das Buch in Form eines Kodex, der aus vielen Seiten besteht, die zwischen zwei Holzdeckel gebunden werden, ist das Medium, mit dem das Christentum seit der Antike das Wort Gottes und das Wort Christi transportiert. Die Bibel ist damit die Grundlage jeder liturgischen Handlung und jeder theologischen Auseinandersetzung mit Gott. Des-halb war es unumgänglich, dass das Wort Gottes in geschriebener Form weitergegeben und damit auch kopiert werden musste. Vor der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert gab es keine andere Möglichkeit, Bücher zu vervielfältigen, als diese abzuschreiben.

Neben dieser zentralen Aufgabe der Skriptorien kopierten die Mönche bereits in der Spätantike auch andere Texte, wobei sie sich nicht nur auf Ordensregeln oder Schriften der Kirchenväter beschränkten. Ein Großteil der Werke antiker Autoren sowie Texte der althochdeutschen Schriftsprache sind uns heute erhalten und bekannt, weil Mönche des Mittelalters diese Schriften als erhaltenswert betrachteten.

Einen wichtigen Anstoß hierzu hatte Karl der Große (742-814) im Zuge seiner großen Staatreform gegeben. Im Bestreben um Neubelebung des antiken Schul- und Bildungswesens hatte er u.a. verfügt, dass in allen größeren Abteien Skriptorien mit Bibliotheken einzurichten und eine Schule zu unterhalten waren. Auch setzte er eine Vereinheitlichung der Schrift durch. Bis dahin hatte es in den europäischen Ländern verschiedene Nationalschriften gegeben. Diese waren zwar alle ursprünglich aus der Großbuchstabenschrift des römischen Altertums ent-standen, hatten aber im Laufe der Zeit eine gewisse Verwilderung erfahren, da sie keinen festen Regeln folgten. Die nun neu entwickelten karolingischen Minuskeln ver-breiteten sich ab dem 9. Jahrhundert von den Schreibzentren des Karolingerreiches (u. a. Tours, Reims und Aachen) sehr schnell aus. Die Gebrauchs- und die Buchschrift folgen fortan einem einheitlichen Muster: Die Minuskelschrift verfügt über Ober- und Unterlängen, die Worte sind klar voneinander abgesetzt, Zeilenanfänge können mit Schmuck- oder Großbuchstaben hervorgehoben werden, der Fein-Fett-Kontrast der Striche ermöglicht gute Lesbarkeit.

Das Schreiben hatte aber für die Mönche nicht nur praktischen Nutzen, sondern war auch tätiger Dienst am Schöpfer selbst. Mit jedem gemalten Buchstaben verherrlichten sie den Namen des Herrn. In den Grundsatz der Zisterzienser „Bete und arbeite“ war das Schreiben inbegriffen. Weil die Tätigkeit des Skriptoriums als eine wichtige Arbeit für das Kloster angesehen wurde, brauchte ein Schreiber keine anderen Arbeiten verrichten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Seine Arbeit war das Schreiben.  

Die Arbeit im Skriptorium bedeutete aber nicht immer, dass der hier tätige Mönch sich geistig bildete oder seinen Intellekt schulte. Nicht alle Mönche, die schreiben konnten, verstanden auch den Sinn der abgeschriebenen Worte. Wiederum konnten Mönche, die bei liturgischen Handlungen in den kostbaren Büchern lasen, nicht zwangsläufig schreiben. Darüber hinaus gab es aber auch eine Zahl gelehrter Mönche (z.B. Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen), die nicht nur abschrieben, sondern selbst die verschiedensten Werke verfassten.