Dorfentwicklung im Erzgebirge

Das typische Aussehen der erzgebirgischen Dörfer wird vor allem von zwei unterschiedlichen Siedlungsformen geprägt: den Waldhufendörfern, die den weitaus größeren Anteil bilden, und den Streusiedlungen, die vor allem in höheren Lagen zu finden sind.

Die Waldhufendörfer des Erzgebirges wurden von Siedlern angelegt, die vor allem aus Franken und Thüringen kamen, um sich in den neuen Gebieten ein freieres Leben zu ermöglichen, als es im festgefügten mittelalterlichen Gesellschaftssystem ihrer Heimat möglich war.

Sie folgten den sogenannten Lokatoren, das waren geistliche oder weltliche Gesandte des Lehnsherren, in das unwirtliche Gebiet des Miriquidi. Der Lokator erhielt das zu rodende Land oft selbst zum Lehen. Er teilte das Land des zukünftigen Dorfes in Hufen auf. Eine fränkische Hufe betrug etwa 24 ha. Einfache Bauern erhielten eine Hufe, der Lokator erhielt eine Doppelhufe. Er wurde der Ortsvorsteher und sein Gut war das Lehngut.
Am Namen vieler Dörfer im Erzgebirge kann man bis heute den Namen des Lokatoren ablesen: “Großhartmannsdorf“ – das Dorf von Hartmann oder  “Eppendorf“ – das Dorf von Eppo.

Das Überschwemmungsgebietes des Dorfbaches, meistens in der Mitte des Tales, blieb vorerst Gemeindeland, auf den feuchten Wiesen weideten die Tiere. Etwas höher am Hang begannen die Waldhufen. Sie erstreckten sich bis zur Gemeindegrenze. Am Ende der Hufe, bzw. auf für die Landwirtschaft ungeeigneten Landstücken, z.B. Felskuppen,  blieb der Wald stehen.

Entlang des Tales lagen einseitig oder beidseitig die Hufen nebeneinander. Große  Waldhufendörfer können  bis zu 20 km lang sein.

Am Anfang der Hufen liegen die Höfe. Im Tal verläuft die Dorfstraße. Von der Straße aus führen Wege zu den Höfen.  Das Aussehen der Hofgebäude ähnelt dem im Fränkischen. An der Anzahl der Hofgebäude ließ sich die wirtschaftliche Situation des Bauern ablesen. Je reicher der Bauer um so mehr Gebäude hatte sein Hof.

Die ertragreicheren Höfe, die Zweiseit-, bzw. Dreiseithöfe des Erzgebirgsvorlandes bestehen oft aus zwei oder drei Gebäuden. Das Lehngut war ein Vierseithof. In den rauen Kammlagen des Erzgebirges findet man die sogenannten Einfirsthöfe. Der Hof besteht hier nur aus einem Gebäude, Scheune, Stall und Wohnhaus sind unter einem Dach.

Nahe am Hof liegt das eingezäunte “Kratzgärtlein“ der Bäuerin, sowie die Weiden für die Pferde und das Jungvieh. Entlang einer Flurgrenze führt der Feldweg bis zum Ende der Waldhufe. Jeder Hof hatte früher seinen eigenen Feldweg und ungehinderten Zugang zu seinem Feld. Das bedeutete einen Vorteil über manche Bauern in den Altsiedelgebieten, die sich in der Gemengelage der Feldfluren über die Überfahrtsrechte einigen mussten.
Entlang der Feldwege wurden die abgesammelten Feldsteine gelagert, so entstanden im Laufe der Zeit langgestreckte Steinwälle, die sogenannten “Steinrücken“. Darauf wuchsen Feldgehölze.

Leider wurde die Streifenstruktur der Feldfluren durch die Kollektivierung der Landwirtschaft zu den Zeiten der DDR fast vollständig verwischt.
Selten sieht man noch Reste davon, wie z.B. in Dörnthal bei Sayda.
In späterer Zeit wurde das ungünstige Bachauengebiet von den sogenannten “Häuslern“ besiedelt. Ihre kleinen Häuschen lagen viel näher aneinander und bilden heute den Kern des Ortes.

Streusiedlungen entstanden im Erzgebirge vor allem als spontane Ansiedlungen infolge des Bergbaus. Ein wichtiges Beispiel dafür ist das Dorf Heidelberg bei Seiffen. Die Gebäude, ein Hauptgebäude mit Nebengebäuden, liegen in einigem Abstand voneinander locker verstreut. Es ist keine regelmäßige Struktur erkennbar. Ein Netz von Wegen verbindet die einzelnen Anwesen.

(Text: Jana Spielhaus)