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Aus den Mythen des Erzgebirges

Autor: Věra Bartošková (unter Verwendung literarischer Quellen über die Kelten und des Aufsatzes von Jiři Wolf: "Kobolde und Dämonen des Erzgebirges")

Das Erzgebirge war einst von einem dunklen und undurchdringlichen Wald bedeckt. "Die nördliche Landschaft ist mit gespenstischen Wäldern aus mächtigen Eichen bedeckt, die ineinander verwachsen sind, umstürzen und nur hier und da den Weg durch diesen undurchdringlichen Urwald freigeben". So beschrieb einst der römische Gelehrte Gaius Plinius Secundus diesen mitteleuropäischen Landstrich. Nach Aristoteles ist es ein Gebiet unerträglicher Kälte. Er sagte: "Die, die hinter Iberien leben, leben in einem so kalten Klima, in dem nicht einmal ein Esel auskommen könnte". Die rauhen Bedingungen in der erzgebirgischen Natur, die geologischen Besonderheiten und die allmähliche Herausbildung der von Aristoteles so charakterisierten Bevölkerung entfalten gegenüber anderen Bergregionen eine besondere Atmosphäre im Erzgebirge und gaben ihm eine eigenes herbes Flair. Das Erzgebirge, voll steiler Berghänge, voller Sümpfe und versteckter Höhlen wurde für die Menschen oft zum Verhängnis. In dem tiefen Wald hatten sie Angst und fühlten sich darin einsam und verlassen. Hinter jedem Stöhnen des Windes und jedem Schrei eines Vogels vermuteten sie des nachts Hexerei und Zauber. Zu heidnischer Zeit gab es eine Unzahl mythischer Lebewesen, die jeden Winkel des Waldes bewohnten.

Woher kamen die Sagen?

Viele unserer Sagen und besonders die Volksmärchen haben ihren Ursprung in der heidnischen Mythologie. Die Christen wollten diese unterdrücken oder zu Gunsten der Aussage ihres Glaubens verändern. "Damit der menschliche Geist sich die Natur unterwerfen kann, muß sich ihm der Weg ins Innere des Wesens der Natur öffnen", sagte schon der Philosoph Nikolaj Berďajev (1874-1948) zur Situation im Mittelalter. Von heidnischen Göttern und Geistern rührten schreckliche und gefährliche Lebewesen her, die dem Teufel dienten. "Für die mittelalterlichen kirchlichen Gelehrten und Schreiber waren alle gespenstigen Erscheinungen des Erzgebirges nichts anderes als des Teufels Maske" (aus der Schrift "Kobolde und Dämonen des Erzgebirges von Jiří Wolf).

Die Kelten

Einst bewohnten Kelten das Erzgebirge mit einer bewundernswerten Kultur und Religion. Es herrschte hier Cernunnos, der keltische Hirschgott, Beschützer der Kelten und Gott des Waldes. Verirrte konnte er retten, er konnte sie aber auch auf unbekannte Pfade und in seine Welt locken. Im Walde gingen Hunde um mit roten Ohren, deren rote Farbe auf Verbindungen mit etwas jeseitigem hindeutete. Sie schlichen einem nach auf leisen Sohlen.

Die Kelten verehrten den Keiler mit mächtigen Hauern, das Symbol wilder Kraft, mutigen und kämpferischen Sinnes. Kleine Nachbildungen der Keiler trugen sie bei sich als Amulett. Sie bildeten ihn auf Münzen ab, auf Kultgegenständen, auf Waffen und Musikinstrumenten. In Vögeln, Waldtieren und Fischen sahen sie Attribute ihrer Gottheiten oder identifizierten sie mit den Göttern selbst und brachten sie oft mit etwas jenseitigem in Verbindung.

Sie verehrten Bäume, insbesondere die Eiche und das heiligste für sie war für die Mistel. Wie Plinius schreibt, pflückten sie sie um Mitternacht in weißen Gewändern mit goldenen Sicheln und gaben sie in weiße Tücher, damit sie die Kraft des Himmels herbeiholten. Sie kochten aus ihnen Heilmittel und  Zaubertrunks. Der höchste Druide, der Keltenfürst, hatte die Weisheit der Eichen. Er erhielt sein Wissen in geheiligten Eichenhainen, weit entfernt von den Ortschaften und Wohnstätten der anderen. Weitere Heiligtümer waren für die Kelten im Wald gelegene Brunnen, Quellen, Bäche, auch Sümpfe und die allgegenwärtigen Gottheiten Sonne und Mond. Sie verehrten auch Steine und bizarre Felsgebilde, die es vor allem auf der böhmischen Seite des Erzgebirges in Fülle gab. Sie hatten eine innige Beziehung zur Natur und zum gesamten Universum.

Das Erzgebirge konnte die Kelten mit seiner besonderen Atmosphäre anziehen: "Die keltische Weisheit, die mit Zauberei verwoben und behaftet ist, ruft Kräfte hervor, die die nördliche Umwelt prägen, in deren Dasein bestimmte unwirkliche Erscheinungen aufzutreten scheinen, sobald Nebel aufzieht und den Wald einhüllt", so etwa schrieb der französische Forscher J. A. Mauduit.

In ganz Böhmen gibt es wenig mineralische Bodenschätze, ausgenommen im Erzgebirge. Deshalb zog dieses Gebiet die Kelten an. Sie gewannen hier Erz, stellten Bronze her und bauten hier die ersten Schmelzhütten und Gießereien. Sie beherrschten bereits das Herstellen von Legierungen. Sie stellten eiserne Gerätschaften her und gossen Bronze. Prachtvolle Metallgieß- und Schmiedearbeiten machten sie in ganz Europa berühmt. Im ganzen Erzgebirge hinterließen sie für Wissenschaftler und Archäologen eine Reihe aufschlußreicher Spuren. Als Beispiel soll dafür der weltberühmte "Duchcover Schatz" gelten, einige tausend Stücke von Bronzeschmuck unschätzbaren Werts, gefunden bei der sogenannten Riesenquelle (Obří pramen) in Lahošť bei Duchcov.

Kobolde und andere Fabelwesen

Zu den bekanntesten geheimen Wesen des Erzgebirges gehörten vom Mittelalter an die Kobolde. Unter ihnen waren es vor allem die Bergmännlein, kleine Teufelchen, die die Bergwerke bewohnten. Von ihnen erzählt man viele geheimnisvolle Geschichten. Unter Tage, in den dunklen Stollen, beschlich die Bergleute Angst und Unbehagen. Das rührte von der immerwährenden Gefahr und davon, daß die alltägliche Sorgen sie beständig verfolgten. Sie glaubten an die Zauberkraft der Kobolde in den dunklen Stollen und brachten ihnen an sicheren Orten kleine Opfer wie Brei, Kuchen oder etwas Käse. Sie stellten sie sich vor als dreiellengroße Greise mit Bart bis zum Nabel, manchmal gekleidet wie eine Bergmann und mit Geleucht, Schlegel, Eisen und übrigem Gezäh. Wenn sie mit ihnen unter Tage gut auskamen, dann halfen sie ihnen ihrer Meinung nach, neue Adern von Gold und Silber zu finden. Oft genug aber zeigten sie sich von ihrer ganz dunklen, teuflischen Seite. Das Hingezogensein der Bergleute zu den Bergmännlein erklärt sich damit, daß sie in ihnen winzige Hauer sahen.

Man erzählte sich von vielen Begebenheiten auch im Haushalt und der Hauswirtschaft zwischen den Kobolden und den Menschen, von Zank und Streit zwischen ihnen. Vielerorts nannte man das Hausmännlein "Schrackagerl". Es glich einem Kind, das nur mit einem Hemd bekleidet war. Es liebte kleine Kinder, half ihnen, aber wenn sie es irgendwo auslachten und ihm Unrecht zufügten, verstand es, sich zu rächen. Zu den Hausmännlein gehörten auch die Jüdel, auch Gütel, Gitel oder Gütchen genannt. Die waren für die Erwachsenen unsichtbar. Schrackagerl und Jüdel kamen zu den Kindern auch in der Nacht, zupften sie an den Haaren und trieben allerhand Schabernack mit ihnen.

Erzgebirgische Spukgestalten

Zu den geheimnisvollen Herrschern des Erzgebirges, die sich in den Erzählungen der Menschen erhalten haben, gehören Rübezahl und Marzebilla oder auch Pupilla. Rübezahl ist allgemein aus dem Riesengebirge bekannt, aber Bohuslav Balbín (1621-1699) führt an, daß er auch im Erzgebirge vorkommt. Er erschien in unterschiedlicher Gestalt, einmal als Bergmännchen, einmal als Mönch, als Pferd gar oder als Frosch. Er war den liebenswürdigen Herrschern des Erzgebirges zuzurechnen, die besonders den Armen geneigt waren und ihnen einiges von ihrer Last abnahmen. Er ist aber auch beschrieben worden als furchterregende Spukgestalt mit loderndem Odem und feurigen Augen. Vom erzgebirgischen Rübezahl erzählt man sich, daß er auf böhmischer Seite den Reisenden zuweilen das Licht ausbließ, wenn sie des Nachts im Wald unterwegs waren. Marcebilla, heute auch Marybyla, Marybela oder Mařenka genannt, erschien als ihr wandelnder Geist. Sie war die Tochter eines Schloßherren, der sie ins Kloster geschickt hatte. Sie hatte sich aber in einen Ritter verliebt und war mit ihm geflohen. Sie starb im Elend und begann, verschiedenen Orts aufzutauchen als behütender erzgebirgischer Geist.

Dämonen und Spukgestalten

Nach mittelalterlichen Quellen gehörten zu den furchterregenden Waldgeistern des Erzgebirges auch "Die wilde Jagd" oder "Das wütende Heer". Sie stießen drohende Rufe wie "hu-huu!" aus und trieben Jäger und deren ganzes gefolge samt Pferden und Hunden in die Sümpfe. Dazu gehörte auch der "Feuermann", der in unterschiedlicher Gestalt erschien. Zuweilen war er ein Wichtelmann, dann ein glühendes Stück. Am liebsten aber versteckte er sich in den Sümpfen. Eine besondere Spukgestalt war der "schöne Waldmann". Er hieß so, weil er aus Schönfeld kam, aber niemand hat ihn jemals zu Gesicht bekommen. Er war durch seine drohende Fuhrmannsstimme zu vernehmen. Ebenso gingen im Erzgebirge die Wichtelmännchen um. Sie hatten verschiedene Namen. Den "Wichtel" sah man zum Beispiel oft in der Nähe von Grenzsteinen. Meistens hat man an sie nicht gedacht. Kam man aber an einem Grenzstein vorbei und stieß einem etwas an die Schulter, so warf man sofort das Fell ab, mit dem man bekleidet war und rannte davon, was das Zeug hielt. Andere Wichtel schrieen "Heeeiii!", sodaß die Leute erschraken und nach Hause rannten. Das Erzgebirge wurde auch von einer Menge "Baumfrauen" bewohnt. Die lockten zum Beispiel die Pilzsucher so tief in den Wald hinein, daß sie den Weg zurück nicht mehr fanden. Sie führten sie dazu an Stellen, wo sie körbeweise Pilze fanden.

Ch. Lehmann, ein lutheranischer Prediger und Chronist des 17. Jahrhunderts im sächsischen Teil des Erzgebirges beschreibt eine Reihe von spukhaften Begebenheiten mit den Dämonen des Erzgebirges. Er legt gerade auf die böhmische Seite bevorzugt Orte des Spuks und weist auf die Entdeckung von Höhlen hin, in denen es geradezu von den verschiedensten Dämonen nur so wimmelt. Einen dieser Geister, der unweit von Most umgegangen ist, bekämpften die Kapuziner. Sie nannten ihn "Würger", der einem an den Hals sprang und die hiesigen Bergbewohner peinigte. Angst und Bange konnte es einem im Wald voller wilder Schluchten, Sümpfe, wilder Tiere und Hinterhalte werden, sodaß es einem die Kehle zuschnürte und mancher konnte vor Schreck krank werden oder sterben.

Von Wasserdämonen, die in den Gebirgsseen und Teichen unterhalb der Berge lebten, sind die Wassermänner oder Hastermänner bekannt. Im Erzgebirge erschienen sie manchmal in der Gestalt eines Anglers, andere in der eines weißen Pferdes, aber auch als Wasserweib. Sie erwiesen den Menschen unerwartet Gutes, konnten ihnen aber auch Unrecht antun.

In Gestalt von Tieren sind Dämonen vor allem als Bären, Wölfe, Schlangen, Molche und als Würmer ungeheuerlicher Art aufgetaucht. Der Chronist Lehmann beschreibt, dass einem Bauern aus Raschau bei Arbeiten an seinem Haus ein Wurm mit einem Katzenkopf und funkelnden Augen entgegenkam, der armdick war. Am häufigsten tauchten aber in den undurchdringlichen Wäldern und Schluchten gespenstige Hunde auf, schwarze und weiße. Sie sprangen den Leuten auf den Rücken und würgten sie. Man erzählte sich, daß ein weißer Hund mit funkelnden Augen einen im Moor versenkten Schatz bewachte. Um einen erzgebirgischen Sumpf herum ging einst vor Mitternacht ein Wanderer. Plötzlich sah er vielleicht zehn Schritte vor sich zwei glühende Punkte. Als er näher kam, entpuppte sich das als ein weißer Hund mit leuchtenden Augen, dessen eine Pfote in einer eisernen Falle steckt. Der Hund nickte dreimal mit dem Kopf. Der Mann war aber so erschrocken, daß er keinen Mut fand, die Falle anzufassen. Noch bevor er bis zwölf gezählt hatte, waren der Hund samt der Falle und mit ihm der Schatz verschwunden ...