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Krankenpflege im Mittelalter

Krankheiten besaßen im Mittelalter einen anderen Stellenwert, als sie es heute tun. Neben dem verständlichen Wunsch nach Genesung beschäftigte die Menschen ebenso das Bedürfnis, der Prüfung in Demut und Gottvertrauen zu begegnen. Deshalb war geistlicher Beistand durch die Kirche zumindest ebenso wichtig wie eine medizinische Behandlung.

Durch das enge Zusammenwohnen traten in den Städten häufiger Epidemien auf. 1598/99 wurde Sayda und das Kirchspiel von der Pest heimgesucht. 950 Menschen starben. Das war fast die Hälfte der Bevölkerung! In den Jahren 1632 und 1633, bei einem erneuten Ausbruch, gab es 238 Tote. Die aus dem Orient eingeschleppte Krankheit suchte Europa im Mittelalter in mehreren Wellen, insbesondere wegen der schlechten hygienischen Bedingungen, der fehlenden Abwasser- und Müllbeseitigung und des Straßenschmutzes, heim.

Die Stadt Sayda war durch ihre Lage an einer der wichtigsten Fernhandelsstraßen besonders durch die durchziehenden Händler gefährdet. 1508 errichtete man deshalb außerhalb der Stadtmauern, direkt an der Salzstraße gelegen, ein Hospital, in dem erkrankte Wanderer gepflegt oder, in Seuchenzeiten, vor dem Eintreten in die Stadt einige Zeit unter Quarantäne genommen werden konnten. Die Aufgaben eines solchen kirchlich geführten Hospitals waren vielfältig und basierten auf den Werken der Barmherzigkeit: Speisung, Aufnahme und Bekleidung der Armen, Beherbergung von Fremden, Pflege der Alten und Kranken sowie Bestattung der Toten.

Auch in der Neuzeit wurde und wird in Sayda viel getan: 1950 öffnete am Lutherplatz ein staatliches Landambulatorium, heute Ärztehaus. 1954 wurde im ehemaligen Amtsgerichtsgebäude ein Feierabendheim eingerichtet, 2000 in der Mortelgrundstraße ein neues Pflegeheim eingeweiht. Heute ist Sayda, aufgrund seines gesunden Klimas (mit Luftkurort-Qualität), der ruhigen Lage, der guten medizinischen Infrastruktur (zwei Alters- bzw. Pflegeheime und ein Ärztehaus) für viele Ältere ein beliebter Altersruhesitz.

Wanderärzte und Bader

Bei der häuslichen Krankenpflege bediente man sich im Mittelalter gewöhnlich gern des uralten Erfahrungsschatzes der Volksmedizin. Sogar in Pestzeiten hielt man sich an überlieferte Rezepte. Selbst vermögende Bürger notierten in ihren Hausbüchern Mixturen gegen Magenkrankheiten, Kopfschmerzen, gegen Hundebisse und vieles mehr.

Wenn das eigene Wissen nicht ausreichte, konnte das Volk Hilfe bei wandernde Ärzten und Badern finden. Ihrer Fertigkeiten wegen waren beide hochgeschätzt, zugleich aber auch oft als Betrüger und Scharlatane verschrien. Studierte Ärzte gehörten nicht in die ländliche Welt. Deren Dienste konnten sich nur die wirklich Reichen leisten.

In Sayda war seit 1559  nachweislich ein Bader tätig. Bader waren die „Ärzte der kleinen Leute“. Sie übten einen hochgeachteten, obgleich nicht wissenschaftlichen Heilberuf aus. Er umfasste das Badewesen, Körperpflege, Teilgebiete der Chirurgie , der Zahn- und Augenheilkunde. Neben dem Bader arbeitete oft ein Barbier im Badehaus, der für das Haareschneiden und Bartscheren zuständig war.

Wanderärzte waren, wie schon der Name vermuten lässt, landfahrende Heilkundige, die ihrem Handwerk in keinem festen Praxisraum oder Ort nachgingen. Sie waren vor allem auf Jahrmärkten anzutreffen, wo größere Menschenansammlungen einen hohen Verdienst  versprachen. Laut rufend priesen die Wanderärzte, oftmals auch „Quacksalber“ genannt, ihre Dienste an. Sicher gab es schwarze Schafe unter ihnen, die aus reiner Gewinnsucht  fragwürdige, nachweislich unwirksame oder sogar schädliche Scheintherapien anwandten oder Mixturen verkauften. Aber auch schon die alleinige Hoffnung auf Heilung konnte für den Erkrankten in auswegloser Situation Hilfe sein. Die Wanderer selbst waren oft ebenso von der Not gepeinigt. Alternde Schäfer und Bergleute sollen unter ihnen gewesen sein, die ihr Wissen um Kräuter und Mineralien nutzten, um etwas Geld zu verdienen.

Eine Stadtapotheke öffnete in Sayda erst im Jahre 1750.

Und Sonnabend wird gebadet

Text von Helga und Heinz Kaden aus "Von Sachsen bis ins Böhmerland", 2. Auflage 2002, Druck und Verlagsgesellschaft Marienberg mbH, ISBN 3-931770-14-1

Über die misslichen hygienischen Zustände in den mittelalterlichen Städten hat man schon viel gehört. Straßen voller Unrat, fehlende Kanalisation und frei umherlaufendes Vieh waren nur zu oft die Ursache für verheerende Seuchen. Und trotzdem ist unseren Vorfahren nicht abzusprechen, dass sie sich um Reinlichkeit von Körper und Geist mühten.

So gab es, wie in den meisten Städten, auch in Sayda einen regen Badebetrieb. Dreimal wöchentlich hatte der Bader seine Bottiche und Wannen bereitzuhalten und aus dem eigenem Brunnen mit Wasser zu versorgen, das er angenehm zu erwärmen hatte. Der Hauptbadetag war Sonnabend. Das Gewebe des Baders konnte man wahrlich nicht als leicht bezeichnen. Wasser schleppen Öfen heizen, Wannen füllen, die Badegäste bedienen, das alles brachte den Hüter der Reinlichkeit mächtig ins Schwitzen. Ist es da verwunderlich, dass er seinen Dienst nackt, "nur mit einem Vortuchel" versehen, ausführte?

Auch war es Aufgabe des Baders, sogenannte Seelenbäder auszurichten. Baden diente zu jener Zeit auch der geistigen Reinigung. Vor Kriegszügen oder Pilgerreisen nahm man ein Bad, auch Braut und Bräutigam begaben sich vor der Hochzeit zum Baden. Bei diesem segensreichen Tun müsste man annehmen, dass der Bader ein angesehener Mann gewesen sei. Dass dem nicht so war, zeigt die Bitte des Baders Fabian Bräuer zu Sayda, die er 1559 an den Rat der Stadt richtete, man möge ihm doch das Bürgerrecht gewähren, "... um seine Kinder willen ...".

Der Baderstand galt bis ins 16.Jahrhundert als unehrenhaft. Das hatte wiederum verschiedene Gründe. Der Bader stand meist im Dienst des Grundherrn und war damit unfrei. In den mittelalterlichen Städten war das ein Makel. Auch sah man seine Tätigkeit, obwohl man sich ihrer mit Freude bediente, immer als etwas ehrenrührig an. Badestuben galten als "Städten der Völlerei und der Unzucht". Die teilweise schlechten hygienischen Zustände führten zur Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten. Und trotzdem ließ sich der brave Bürger mit seinem Nachbarn in einem Bottich sitzend gerne stundenlang beim Baden bedienen, und das Brett, welches über dem Badetrog lag, musste mit Speise und Trank reichlich bestellt sein.

Die Bademägte gar, die zur Bedienung der ehrbaren Bürgersfrauen angestellt waren, genossen den denkbar schlechtesten Ruf. Es wurde ihnen nachgesagt, sie würden beim Baden zwar den Frauen, ansonsten jedoch den Männern dienen.

Der Saydaer Bader jedenfalls hatte es verstanden, sich bei seinem Stadtrat Respekt zu verschaffen. Im Jahre 1560 wird ihm zugestanden: "...des 1560. Jahres ist allhier von einem ehrbaren Rate auf getanes Ansuchen Fabian Bräuers, unseres Baders, ...jährlich ein Gebräude Bier als ein anderer Bürger zu tun, doch auf Zeit, solang es unserem Herrn einem Rate gefällig. Dagegen soll und will er tun Wach- und Zugarbeit, ein andrer Bürger und Inwohner schuldig, auf alle Zinstage seine Erbzinsen erlegen und geben..." Diese Erlaubnis zum Bierbrauen und sicher auch zum Ausschenken desselben, das Festlegen seiner Rechte und Pflichten machte Fabian Bräuer zum ehrbaren Bürger.