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Juden als Fernhändler

Da die Fernhandelsbeziehungen nach ausserhalb des lateinisch sprachigen Raumes durch die Gegebenheiten besondere Ansprüche an den Fernhändler stellten, kristallisierten sich besonders in Zentral-Europa die Juden als Fernhändler des Mittelalters heraus.
Gründe dafür waren unter anderem:

  • Viele Juden Europas hatten auf Grund der Vernetzung der Glaubensgemeinschaft persönliche Kontakte.
  • Häbräisch war eine durchaus gängige Sprache unter gebildeten Menschen im arabischem Raum.

Diese Aspekte prädestinierten vornehmlich Juden für die Ausübung des Fernhandels.
Zudem kam, das die Juden auf Grund der religiösen und sich daraus ergebenden sozialen Strukturen im Europa des Mittelalters

  • kein ordentliches Handwerk ausüben durften
  • die einzigen waren, die Geld verleihen durften

Hieraus entwickelten sich umständebedingt Fähigkeiten, Interessen und Kontakte, die durch eben diese Bedingungen besonders gefördert wurden.
Daher war es naheliegend, das im besonderen Juden als Fernhändler auftraten.
Auf Grund dieses Umstandes wurden Juden in diesem Zusammenhang von den europäischen Herrschern protegiert und in einer besonderen Weise beschützt, gleichzeitig aber beneidet, angefeindet, als Sündenbock benutzt, verfolgt, vertrieben, gejagt und umgebracht.

Wichtige Zentren des Fernhandels im 9. und 10. Jahrhundert waren Magdeburg und Prag. Hier gab es auch große jüdische Handelsniederlassungen, die sich damals meistens in der Nähe des Marktes befanden. 

Jüdische Händler siedelten sich in Städten mit Marktrecht entlang der Fernhandelsstraßen, so auch entlang der Alten Salzstraße, z.B. in Sayda, Freiberg und Meißen an. Oft (vorallem ab dem 11. Jahrhundert) mussten Sie für den Schutz durch die Herrschenden erpresserisch hohe Schutzgelder zahlen.

jüdische Fernhändler im Reich Karl des Großen

Quelle: www.bis.uni-oldenburg.de

Im fränkischen Reich Karls des Großen und den sich anschließenden zwei Jahrhunderten hatten sich schließlich Juden als Fernhändler eine außerordentlich wichtige Rolle in der ökonomischen Entwicklung des Reiches gesichert. Die Herrscher waren sich ihrer Bedeutung für Sicherung und Ausbau der Handelswege bewußt: sie besaßen - im Vergleich zu der fast gänzlich auf die Landwirtschaft ausgerichtete fränkische Bevölkerung christlichen Glaubens - über hinreichende Erfahrungen im Handel und sie verfügten über die notwendigen Kenntnisse von Waren, Märkten und dem damit untrennbar verbundenen Geldverkehr. Die Diaspora, die Verteilung jüdischer Gemeinden über die gesamte damals bekannte Welt, prädestinierte Juden zusätzlich für den Fernhandel. Aufzeichnungen des arabischen Reisenden Ibn Chordadbeh aus der Mitte der 9. Jahrhunderts belegen das sehr anschaulich.

"Die 'Wanderer', vieler Sprachen kundig reisten von West nach Ost und von Ost nach West, bald zu Lande, bald zur See. Sie brachten aus dem Occident Eunuchen, Sklavinnen, junge Sklaven, Seide, Pelzwerk und Schwerter. Vom Lande der Franken fuhren sie über das Mittelmeer nach Egypten, landeten zu Farama, packten ihre Waren auf Saumtiere und zogen zu Lande nach Kolzoum (Suez); dort gingen sie wieder in See nach Djedda, dem Hafen für Mekka, und dehnten ihre Reisen bis Indien und China aus. Bei der Rückkehr beluden sie sich mit Muskat, Aloe, Kampfer, Zimmt und anderen Produkten des Ostens. Wenn sie über Kolzoum nach Farama gelangt waren, segelten die einen nach Konstantinopel, um dort ihre Waren zu verkaufen, andere begaben sich in das Land der Franken. Bisweilen nahmen die jüdischen Kaufleute den Hinweg über Antiochia, von wo sich in drei Tagereisen der Euphrat erreichen liess. In Bagdad stiegen sie zu Schiff und fuhren den Tigris abwärts nach Obollah, um hier die Seereise nach Ostasien anzutreten. Nach Indien und China führten auch Landwege. Die Kaufleute, die aus Spanien und dem Lande der Franken kamen, begaben sich nach Tanger und Marokko, zogen durch Nordafrika nach Egypten, von dort über Ramlah, Damaskus, Kufa und Bagdad nach Bassra und weiter durch das südliche Persien. Es war aber auch ein Weg über Deutschland gangbar, indem man von hier durch das Land der Slaven nach der Stadt der Chazaren (an der Wolga) gelangte, zu Schiff das Kaspische Meer passierte und dann quer durch Zentralasien bis China zog."

So erstreckte sich das Netz jüdischen Fernhandels im 9. Jahrhundert vom fränkischen Reich und Spanien im Westen bis nach China, wo sich bedeutende jüdische Gemeinden gebildet hatten, deren Geschichte bis in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurückreichten. In einem wesentlich noch auf Naturalwirtschaft beruhenden Staatswesen wie dem Frankenreich waren über den Fernhandel in erster Linie die Bedürfnisse des kaiserlichen Hofes, seines Gefolges und des Adels zu befriedigen; vor allem wurden Luxuswaren nach Europa eingeführt. Neben Spezereien handelte es sich hauptsächlich um kostbare Stoffe, Edelmetalle und Arzneien. Insofern erfreuten sich die jüdischen Händler großen Ansehens beim Kaiser und waren am Hofe ständig präsent. Insofern lag es nahe, daß u.a. Karl der Große ihre Dienste auch in diplomatischen Angelegenheiten in Anspruch nahm: so war ein Jude namens Isaak Mitglied einer Gesandtschaft an den in Bagdad residierenden Kalifen Harun al-Raschid; als einziger kehrte er nach fünf Jahren (802) nach Aachen zurück und konnte dem Kaiser einen Elefanten als Geschenk des Kalifen überreichen. Aber noch in anderer Hinsicht kam den jüdischen Händlern eine wesentliche Bedeutung zu. Die karolingische Gesellschaft beruhte in einem erheblichen Maße auf dem System der Sklaverei. Vor allem die großen Domänen wurden mit einer großen Zahl von Sklaven bewirtschaftet, die vorrangig aus den slawischen Gebieten des Ostens stammten. Zentraler Umschlagsplatz war die böhmische Hauptstadt Prag.
Ibrahim ibn Jakub, ein jüdischer Sklavenhändler aus Spanien, beschrieb die böhmische Hauptstadt als einen Ort mit sehr lebendigem Handelsverkehr:

"Es kamen dorthin aus Krakau Russen und Slaven mit Waren und aus dem Lande der Türken (Ungarn?), Mohammedaner, Juden und Türken, ebenfalls mit Waren und byzantinischen Goldstücken, und sie führten Sklaven, Zinn und verschiedene Arten Tierfelle weg."

Eine weitere Station des Sklavenhandels, der sich bis nach Spanien ausdehnte, bildete Magdeburg. Dort verfügte Otto der Große 965, daß die Juden und die übrigen Kaufleute ("Judei vel ceteri ibi ... manentes negotiatores...") zu Magdeburg nur der Gewalt des Bischofs unterstehen sollten. Im selben Jahr traf Otto dort auch mit Ibrahim ibn Jakub zusammen. "Er war ein geradezu typischer Vertreter des ... Handelszuges von Spanien nach den sklawischen Grenzländern... Für jene Wanderhändler, mit denen Ibrahim vom Rheine her in ihren Handelszügen mitgereist sein wird, lohnte es sich jetzt, aus eigenem wirtschaftlichen Interesse und unter königlicher Förderung ihren Wohnsitz endgültig vom Rhein an die Elbe, also nach Magdeburg, zu verlegen." Aus diesen Zusammenhängen und aus weiteren Dokumenten - so etwa der Zollordnung von Raffelstetten aus dem Jahre 904 - wird deutlich, daß als Kaufleute in erster Linie Juden in Betracht kamen. Entsprechend ihrer ökonomischen Bedeutung für das Karolingerreich und in der frühen deutschen Kaiserzeit, hatte sich das Verhältnis der weltlichen Herrscher zu den Juden weitgehend entspannt. Ausdruck dieser Situation war die Ausstellung verschiedener Schutzprivilegien, auch die Möglichkeit für Juden über Grundbesitz zu verfügen, schließlich die diplomatischen Dienste und nicht zuletzt die Anwesenheit jüdischer Gelehrter am kaiserlichen Hof. Ein weiteres Indiz für die gefestigte Stellung der jüdischen Bevölkerung bieten die fünf großen Konzilien, die Karl der Große im Jahr 813 einberief: "Da fällt es nun auf, daß kein Beschluß dieser Konzilien sich mit den Juden befaßt, das Verhältnis zu ihnen also weder aus der Sicht Karls noch der Bischöfe der Behandlung bedurfte. Das ist bemerkenswert, selbst wenn man annehmen würde, daß die Bestimmungen der fränkischen Konzilien in merowingischer Zeit weiterhin als verbindlich galten."