Sie sind hier: Salz und Geschichte / Miriquidi - Erzgebirge / Naturführer Osterzgebirge

Ost-Erzgebirge
Stropnik
Bergwiesen
Wälder
Talsperren
Bergwiesenheu

Das Deutsch-Böhmische Ost-Erzgebirge

Vom Umweltverein  "Grüne Liga Ost-Erzgebirge" - Dippoldiswalde und dem Bürgerverein Sauerampfer "ŠŤOVÍK" - Teplitz wurde ein Naturführer für das Osterzgebirge in mehreren Bändern neu (2007 und 2008) erarbeitet. Dieser Naturführer ist im Handel erhältlich. Im folgenden finden Sie Auszüge aus diesem Buchprojekt.

Naturführer des Ost-Erzgebirges / Band 2

01_Vorwort.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Vorwort 1

254 K

02_Gebietsueberblick.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 2

0.9 M

03_Klima.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 3

801 K

04_Geologie.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 4

1.1 M

05_Boden.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 5

636 K

06_Landschaftsentwicklung.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 6

2.3 M

07_Wald.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 7

1.3 M

08_Moore.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 8

581 K

09_Steinruecken.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 9

758 K

10_Wiesen.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 10

0.9 M

11_Tierwelt.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 11

644 K

12_Mitwirkende.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 12

36 K

13_Glossar.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 13

149 K

14_Register.pdf

Download: Naturführer Ost-Erzgebirge / Kapitel 14

141 K

Das große Roden im Miriquidi (bis 14. Jahrhundert)

Nach der letzten Eiszeit waren allmählich die meisten der heute bei uns heimischen Baumarten nach Mitteleuropa zurückgekehrt. Als letztes kamen vor etwa 3000 Jahren die sogenannten Klimaxbaumarten Buche undTanne im Erzgebirge an. Aufgrund ihrer Schattentoleranz konnten sie sichgegenüber den früher eingewanderten Baumarten durchsetzen und dominierten um das Jahr 1000 u. Z. herum die meisten Urwälder. Wie die Ur-Landschaft des Ost-Erzgebirges tatsächlich aussah, bietet – in Ermangelung von ausreichend nachprüfbaren Fakten – reichlich Raum für Spekulation. Pollenanalysen und spärliche schriftliche Überlieferungen deuten auf ursprünglichen Waldreichtum des Erzgebirges hin. Die Berg-Urwälder wurden ehrfurchtsvoll Miriquidi genannt, was im Altgermanischen soviel wie „Dunkelwald“ hieß. Auch für das mediterrane Empfinden der Römer waren die germanischen Wälder sicherlich unheimlich und furchterregend. Andererseits grasten in Mitteleuropa damals auch noch Auerochsen, Wisente und Elche, die mit Sicherheit auch Offenlandbereiche frei hielten. Waldarme oder zumindest nur licht bewaldete Flächen existierten außerdem in den damals noch sehr ausgedehnten Mooren des Erzgebirgskammes. Auch die Schotterauen der Bergbäche, die zu dieser Zeit noch unreguliert nach jedem Frühjahrshochwasser ein neues Bachbett suchen konnten, setzten der Gehölzentwicklung Grenzen. Möglicherweise wuchsen auf diesen feinbodenarmen Flussschotterflächen, wie auch auf den von den großen Pflanzenfressern freigehaltenen Bereichen, bereits einige der Pflanzen,die später die Artenvielfalt der für das Ost-Erzgebirge so typisch werdenden Bergwiesen bilden sollten. Und schließlich gab es damals sicher noch Biber in großer Zahl, die bekanntlich mit ihren Dämmen Teiche aufstauenkönnen, welche nach Aufgabe durch ihre Schöpfer mitunter erst nach einem langen Verlandungs- und Nasswiesenstadium wieder zu Wald werden. Aber auch schon zu damaligen Zeiten war das Ost-Erzgebirge keinesfalls unberührt von Menschen. Gegen Ende der Völkerwanderung waren slawischeStämme nach Nordböhmen und, etwa ab 600 u. Z., auch elbabwärts in die Gegend der heutigen Stadt Dresden eingewandert. Von hieraus breiteten sie sich dann weiter in den Gebieten mit günstigen Boden und Klimaverhältnissen aus und bildeten die Gaue Nisan (Elbtal zwischen Pirna und Meißen) sowie Daleminze (Lommatzscher Pflege). Auch im Nordböhmischen Becken – damals ein Gebiet von Sümpfen und Seen –entstanden slawische Siedlungen. Aus einigen entwickelten sich später Städte (Duchcov/Dux; Bílina/Bilin). An der ersten Brücke über den FlussBílina/Biela entstand die Stadt Most (tschechisch für „Brücke“, deutschBrüx). Sowohl im Süden als auch im Norden endeten die Besiedlungsbemühungen am Fuße des Ost-Erzgebirges. Jedoch durchstreiften mit Sicherheitslawische Jäger, Zeidler (Honigsammler) und Fischer das wald- und wildreiche Gebirge. Die Altsiedelgebiete im Norden und Süden waren darüberhinaus durch Passwege verbunden, insbesondere dem Nollendorfer Pass/Nakléřovský průsmyk im Osten sowie dem Einsiedler Pass im Westen („Alte Salzstraße“). Im 9. und 10. Jahrhundert unterwarfen die Deutschen von Westen her ihre slawischen Nachbarn. Den Höhepunkt erreichten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Feldzug König Heinrichs I. 928/929. Dabei wurde auch der Grundstein für die Burg Meißen gelegt. Ein paar Jahrzehnte später entwickelte sich die Markgrafschaft Meißen. Doch besiedlungsgeschichtlich änderte sich in den folgenden knapp 200 Jahren zunächst nicht viel im nördlichen Vorfeld des Ost-Erzgebirges. Die Markgrafen mit ihren kleinen Burgbesatzungen hatten Mühe, sich im noch immer sehr dünn (und wahrscheinlich auch nicht allzu ortsfest) bewohntenSlawenland zu behaupten. Vom 10. bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts drangen slawische Siedler bis ins Freitaler und Kreischaer Becken vor, ohne aber das Ost-Erzgebirge selbst zu erreichen. Südlich des Gebirges formierte sich der tschechische Staat, und die Kolonisierung Nordböhmens setzte sich fort. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts veränderte sich das Gesicht des Ost-Erzgebirges innerhalb von weniger als einhundertJahren ziemlich grundlegend. Im Süden war um 1158 das Königreich Böhmen gegründet worden, und im Norden hatte sich die deutsche Herrschaft inzwischen soweit gefestigt, dass immer neue Siedler ins Land zwischen Saale und Elbe einwandern konnten. Vor allem die energischen Markgrafen Otto (1156–90) und Dietrich (1197–1221) förderten die planmäßige deutsche Kolonisation des Landes. Gleichermaßen aktiv war auf der Südseite des Erzgebirges das Adelsgeschlecht der Hrabischitze, vor allem Boresch I./Borso I. (ca. 1150–1207). Die Silberfunde bei Christiansdorf (dem späteren Freiberg)1168 und, etwas später, die Zinnvorkommen bei Graupen/Krupka lenkten die Aufmerksamkeit auch auf das Ost-Erzgebirge. Es setzte ein regelrechter Wettlauf zwischen Böhmenund Meißen um die Besiedelung des Gebirges ein. An den Verkehrswegen wurden Burgen angelegt (Anfang des13. Jahrhunderts: Sayda, Riesenburg, Purschenstein, Tharandt, Frauenstein, Dippoldiswalde; Mitte des 13. Jahrhunderts: Lauenstein, Rechenberg; Ende des 13. Jahrhunderts: Bärenstein, Rauenstein). Eine besondere Eigenständigkeit bewahrten sich die Burggrafenvon Dohna (seit dem 12. Jahrhundert). Bis zu ihrerZerstörung Anfang des 15. Jahrhunderts durch die Truppendes Markgrafen gingen von der Burg Dohna die wichtigsten Siedlungsimpulse an der Ostflanke des Erzgebirges aus. Die Herrscher von Meißen, Böhmen und Dohna schickten Werber (sogenannteLokatoren) gen Westen, vor allem ins immer dichter bevölkerte Thüringen und Franken, um mit Versprechungen über Steuervergünstigungen und sonstige Freiheiten Siedler ins Gebirge zu holen. So erfolgtedie Gründung von Dörfern für damalige Verhältnisse ausgesprochen planmäßig, zielgerichtet und in historisch sehr kurzer Zeit. Die Kolonisatoren folgten den Lokatoren entlang der alten Höhenwege bis in die Quellgebiete und Oberläufe der Nebenbäche, wo die Dörfer entstehen sollten. Hier gab es einerseits genügend Trinkwasser, andererseits war die Hochwassergefahr gering. Häufig wurden diese Siedlungen dannnach den Lokatoren benannt (z. B. Johannes = Johnsbach, Heinrich = Hennersdorf, Burkhardt = Burkersdorf ). Diese Siedlungsführer schritten zunächstden Bachlauf entlang und wiesen etwa alle hundert Meter rechts und links des Tales jeweils einer Familie einen Streifen Land zur Urbarmachung zu. Ein solcher Streifen Land – eine „Hufe“ – erstreckte sich bis ins nächste Steiltal, das vorerst noch ungenutzt blieb, oder bis an die Grenze der nächsten Dorfflur. So entstanden die typischen Waldhufenfluren mit ihren bis zu fünf Kilometer langgestreckten Reihendörfern und den davonausgehenden, parallel verlaufenden Feldstreifen. Wo sich der regelmäßigen Fluranlage Hindernisse in den Weg stellten, z.B. landwirtschaftlich nicht nutzbare Berge oder Höhenrücken, können sich die Hufenstreifen auch in einer gleichmäßigen Kurve den landschaftlichen Gegebenheiten anpassen, jedoch immer die Parallelität und annähernd gleiche Flächengröße benachbarter Hufen wahrend. Auf den Hangterrassen oberhalb der kleinen Nebenbäche bauten die damaligen „Neubauern“ ihre Gehöfte. Je nach dem aus Höhenlage und Bodengüte resultierendem Wohlstand entstanden daraus im Laufe der Zeit die markanten Zwei-, Drei- und Vierseithöfe. Dahinter rodeten sie im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte die ihnen zugeteilte Hufe. Dieser altdeutsche Begriff bezeichnet die Fläche, die „behufs“ der Ernährung einer Familie erforderlich war. Meist handelte es sich um 15 bis 20 Hektar, die einem „Einhüfner“ zur Verfügung standen. Durch Erbteilungen wurden daraus dann aber auch Halbhufen oder gar Viertelhufen. Den Lokatoren hingegen standen Doppelhufen zu. Sie und ihre Nachfahren erhielten vom Landesherren auch bestimmte Rechte und Pflichten zugeteilt, z. B. die niedere Gerichtsbarkeit und das Schankrecht. Ihre Gehöfte hießen fortan Erbgericht, eine Bezeichnung, die heute noch in so manchem Gaststättennamen fortlebt. Von ihren frisch gerodeten Feldern mussten die Bauern viele Steine ablesen, die sie bei weitem nicht alle für den Bau von Häusern und Wegen gebrauchen konnten, und nach jedem Pflügen kamen neue hinzu. Diese Steine wurden an den Rand der Hufenreihen, wo man zur Markierung Rainbäume belassen hatte, „gerückt“. So entstanden im Verlaufe von Jahrhunderten die Steinrücken, die für das Ost-Erzgebirge ganz besonders typischen, mächtigen Lesesteinwälle. Selbst in Gegenden mit weniger steinigen Böden veränderten sich allmählichdie Geländeformen. Immer wiederkehrendes, hangparalleles Pflügen formte teilweise mehrere Meter hohe Ackerhangterrassen. In dieser Art wurden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und Anfang des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich die meisten Dörfer des Ost-Erzgebirges angelegt, so z.B. Johnsbach, Höckendorf, Reichstädt, Liebenau, Hennersdorf, Bärenstein, Sadisdorf, Cämmerswalde, Voigtsdorf und andere. Ihre Namen weisen auf die deutsche Besiedelung hin. Auch jenseits der heutigen Grenze trugen früher viele Orte deutsche Namen (Peterswald = Petrovice,Schönwald = Krásný Les). Anders verhält es sich zum Teil im westlichen Gebiet des Ost-Erzgebirges, da klingen viele Orte ziemlich slawisch (Sayda, Mulda, Clausnitz). Hier war die Erschließung und Besiedlung überwiegend von Böhmen her erfolgt. Die Zuwanderer waren zwar ebenfalls überwiegend deutschsprachig, nutzen aber ältere slawische Rastplätze. Die Burg Purschenstein wurde von den Böhmen zur Sicherung der Flöhafurt des „Alten Böhmischen Steiges“ (oder „Alte Salzstraße“) errichtet. Eine feste Grenze zwischen der Mark Meißen und Böhmen gab es noch nicht, die wurde erst 1459, also fast 300 Jahre später, im Vertrag zu Eger festgelegt. Abgesehen von der Umgebung Freibergs und Graupens/Krupkas war die erste Rodungsperiode noch nicht primär bergbaulich geprägt, wenn auchdie Hoffnung auf weitere Erzfunde mitgeschwungen haben mag. Vielen Sagen nach sollen ja zu damaliger Zeit Venetianer bzw. Walen (= Welsche= Romanischsprachige) immer wieder auf geheimnisvolle Weise in den Wäldern von Erzgebirge und Thüringer Wald zu Reichtum gekommen sein (die aber wahrscheinlich nicht Silber und Zinn, sondern Kobalt und andereZuschlagstoffe für die Venezianische Glasherstellung suchten). Dennoch handelte es sich damals um eine weitgehend landwirtschaftliche Erschließung des Gebietes. Ein nicht unerheblicher Einfluss mag dabei vom Zisterzienserorden ausgegangen sein, der sich nach seiner Gründung Ende des 11. Jahrhunderts sehr rasch zu einer bedeutenden missionarischen Macht entwickelte und vor allem bei der deutschen Ostkolonisation aktiv war. 1162 wurde das Zisterzienserkloster Altzella (bei Nossen, damals vom Markgrafen Otto mit großen Besitzungen im Raum Freiberg beschenkt) und 1196 das von Ossegg gegründet. Die Zisterzienser waren nicht nur gute Landwirte, wie die meisten Orden, sondern auch die Träger des naturwissenschaftlich technischen Wissens dieser Zeit. Sie betrieben unter anderem Bergbau, Schmelzhütten, Schmieden und Glashütten. Vorallem ihre agrarischen Kenntnisse wurden sicher von den Kolonisatoren des rauen Erzgebirges dankbar aufgegriffen.Trotz alledem ist es heute schwer vorstellbar, wie mit den damaligen Geräten und Methoden innerhalb weniger Jahrzehnte eine Landschaft in weiten Teilen grundlegend verändert werden konnte. Die meistender landwirtschaftlichen Erfolg versprechenden Gebiete wurden bereits während dieser ersten Rodungsperiode erschlossen und urbar gemacht. Ziemlich zielsicher hatte man die Gneisböden ausfindig gemacht, die nährstoffärmeren, blockreichen Porphyr- und Granitgebiete blieben nach wie vor bewaldet. Neben den Dörfern entstanden damals auch schon die ersten städtischen Siedlungen, zum einen bei den bekannten Erzlagerstätten (Freiberg, Graupen), zum anderen in der Nähe der Burgen (Dippoldiswalde: Nicolaikircheschon um 1150 mit beachtlichen Ausmaßen, im 13. Jahrhundert auch Liebstadtund Frauenstein). Freiberg erhält bereits 1168 oder 1188 Stadtrecht, Dippoldiswalde 1266. Zu den ältesten Städten der Region zählt ebenfalls Sayda, erstmals 1207 als Handelsposten und Grenzfeste an der Alten Salzstraßezwischen Halle/Leipzig und Prag erwähnt. Auch am Südfuß des Erzgebirges entstanden städtische Siedlungen, so die Bergbauorte Krupka/Graupen, Hrob/Klostergrab sowie – in der Umgebung eines Mitte des 12. Jahrhunderts von der Böhmenkönigin Judita gegründeten Benediktinerinnen-Klosters – die Stadt Teplice/Teplitz.

nach oben zum Seitenanfang

„Berggeschrey im obermeißnischen Gebürge“ (bis 17. Jahrhundert)

Wahrscheinlich schon während der bäuerlichen Landnahme (vielleicht auch gerade deshalb) kam es im Ost-Erzgebirge zu weiteren Erzfunden, neben denen von Freiberg und Graupen. Möglicherweise gab es im 13. und 14. Jh. noch mehr Abbaustellen oberflächennaher Erze als bis heute überliefert wurde. Noch wichtiger als Silber und Zinn waren für die Besiedlung sicher vorerst die an vielen Orten des Ost-Erzgebirges zutage tretenden Eisenerzvorkommen. Der Verschleiß an Äxten und Pflügen dürfte in den Anfangsjahrender Urbarmachung gewaltig gewesen sein. In den Flusstälern, wo ausreichend Wasserkraft und (noch) holzreiche Wälder zur Verfügung standen, legte man Eisenhämmer an. Im Müglitztal fand bereits im 13. Jh. der Eisenhammer bei Schlottwitz urkundliche Erwähnung, im 14. Jh. kamen Hammerwerke bei Glashütte und Lauenstein hinzu. Besondere Bedeutung erlangte der ab Mitte des 13. Jh. bezeugte Berggießhübler Eisenbergbau,der erst Ende des 19. Jahrhunderts, also nach über 600 Jahren, endgültig eingestellt wurde. Das hier gegossene „Pirnische Eisen“ galt über die Landesgrenzen hinaus als Markenzeichen und Qualitätsbegriff. Doch nicht alles Eisenerz wurde an Ort und Stelle verarbeitet. Die für dieErzaufbereitung erforderliche Holzmenge war wesentlich größer als die des Erzes. Deshalb transportierte man das Eisenerz zu den im Ost-Erzgebirgeverteilten Hammerwerken, unter anderem entlang einer eigens dafür angelegten Straße, die heute „Alte Eisenstraße“ oder auch „Eisenweg“ genannt wird und wahrscheinlich schon seit Anfang des 13. Jahrhunderts zwischen Berggießhübel und Schlottwitz bestand. Später wurde sie verlängertbis zum „neuen Schmiedewerk oberhalb Dippoldiswalde“ (Schmiedeberg, seit Anfang des 15. Jahrhunderts). Eisenerzabbau gab es unter anderem auch bei Schellerhau, Johnsbach, Reichstädt und Dorfchemnitz. Die im 16. Jahrhundert aufkommende Bezeichnung „Erzgebirge“ indes stammt von den edleren Metallen ab, vor allem Silber, gefolgt von Zinn, in geringerem Maße auch Kupfer. Im 13. und 14. Jahrhundert löste in Mitteleuropa die Geldwirtschaft den Naturalienhandel ab. Für die Landesherrenwurde der Zugang zu Ressourcen, die sich in klingende Münze umwandeln ließen, immer wichtiger. Münzfunde aus dem 13. Jahrhundert belegenden schon damals florierenden Handel, auch über die Erzgebirgspässe hinweg. Die Meißner Markgrafen, ab 1423 sächsische Kurfürsten und Herzöge, galten aufgrund des Silbersegens als die reichsten Fürsten Deutschlands. Das spiegelte sich nicht zuletzt in der Architektur (z.B. Freiberg: Goldene Pforte, Dom) wider. Freiberg, wo bereits im 12. Jahrhundert das erste Erz geschürft wordenwar, blieb das Zentrum des sächsischen Silberbergbaus. Silber wurde später unter anderem auch bei Dippoldiswalde (Abbau wenig bedeutend, in Resten bis 19. Jh.), Frauenstein (Anfang 16.Jh. erschöpft), Mulda/Randeck (bis 1911) und Glashütte (ab1458) gefunden. Etwas größere Bedeutung erlangten die Silberfunde im Tal der Wilden Weißeritz zwischen Tharandtund Klingenberg (Bergbau bis Ende des 19. Jahrhunderts). Seinen Höhepunkt erreichte der Silberbergbau im Ost-Erzgebirge im 16. Jh. Danach führten die gewaltigen Mengen importierten Silbers aus Südamerika zu stetigem Preisverfall und machten die Gruben immer unrentabler. Der Zinnbergbau begann Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts in Graupen/Krupka. Für die Chronisten der damaligen Zeit offenbar unerwartet wurde 1241 auf dem Kölner Metallmarkt das englische Zinnmonopol durch böhmische Erze gebrochen, höchstwahrscheinlich aus dem Graupener Revier. Anfangs erfolgte die Zinngewinnung ausschließlich als Seifenbergbau. Dabei wurden in einem Bach aus dem Flussschotter un daus der ufernahen Erde Zinngraupen ausgewaschen – „geseift“. Dies geschah in Graupen/Krupka, am Südfuß des Gebirges,ebenso wie in Seiffen nahe der Burg Purschenstein. Auch im Altenberger Gebiet (erste urkundlicheErwähnungen um 1440) wurde Zinn zunächst vor allem geseift („Seifenbusch“). Inzwischen hatte man sich im Graupener Revier bis an die eigentlichen Erzlagerstätten herangearbeitet und begann, untertage den Vorkommen im Mückenberg zu Leibe zu rücken. Von hier aus suchten die Graupener Bergleute auch entlang des Gebirgskammes weiter und wurden am „Geusingsberge“ fündig, wahrscheinlich etwa gleichzeitig auch bei Böhmisch-Zinnwald. Ab Ende 15./Anfang 16. Jahrhundert – der Altenberger Zinnbergbau stand dann bereits in voller Blüte – begann man mit dem Abbau bei Bärenstein und im Pöbeltal. An zahlreichen weiteren Orten hofften Bergleute und Bauern gleichermaßen, das „Glück möge ihnen den Berg aufschließen“. Die meisten Bergbauorte sind mittlerweile ziemlich in Vergessenheit geraten, wie etwa der Mortelgrund bei Sayda. Hier liegen Aufzeichnungen von Anfang des 15. Jh. vor, der Abbau wurde jedoch schon vor 200 Jahren eingestellt. Von all den vielen wenig oder gar nicht erfolgreichen, meist nur oberfl ächennahen Bergbaubemühungen indes gibt es heute kaum noch Zeugnisse. Ganz anders in Altenberg, wo die Pinge zum Wahrzeichen geworden ist. Seit Ende des 16. Jahrhunderts gab es hier mehrere Bergstürze infolge des bis dahin ziemlich planlosen Erzbergbaus im Zwitterstock zu Altenberg. Durch den weiteren Abbau in den folgenden Jahrhunderten, vor allem die Intensivierung des Zinnbergbaus ab den 1970er Jahren, wurde die Altenberger Pinge immer größerund hat heute einen Durchmesser von rund 400 m sowie eine Tiefe von 150 m. Weitere, kleinere Pingen befinden sich bei Sadisdorf, auf dem Mückenberg und am Ortsrand von Seiffen. Seit Anfang des 13. Jahrhunderts spielten auch Glashütten eine nicht unerhebliche Rolle für die Landschaftsentwicklung im Ost-Erzgebirge. Bis spätestens Mitte des 16. Jahrhunderts gab es ausschließlich „Wanderglashütten“, die, nachdem die Bäume der Umgebung verbraucht waren, ihren Standort wechseln mussten. Anfangs konnten sie die enormen Holzmengen, die bei den umfangreichen Rodungen dieser Zeit anfielen, für die Herstellung kostbaren Glases nutzen. Die mittels Glashütten geschaffenen Lichtungen dienten sowohl der Siedlungsvorbereitung als auch der Gebietsmarkierung für die jeweiligen Herrschaften. Im Zuge der Konkurrenzum Landesfläche zwischen Sachsen und Böhmen befanden sich die ältesten Glashütten in Kammnähe (z. B. Frauenbach bei Neuhausen, Moldava/Moldau, Brandov/Brandau). Teilweise waren solche Wanderglashütten auch in den bewaldeten Steiltälern unterwegs (z. B. an der Stelle der späteren Ortschaft Glashütte im Müglitztal). Doch dort waren innerhalb weniger Jahre oder Jahrzehnte die Holzvorräte erschöpft, die Glashütte musste weiterziehen, meist ohne zuvor eine urkundliche Erwähnung gefunden zu haben. In zunehmendem Maße regulierten die Landes- und Grundherren die Nutzung der Waldressourcen (kurfürstliche Holzordnung von 1560), wobei der Bergbau mit seinem ebenfalls großen Holzbedarf bevorzugt wurde. Die Glashütten wurden nun in besonders abgelegenen Wäldern sesshaft und waren verpfl ichtet, nur noch minderwertiges Holz zu verwerten. ImOst-Erzgebirge schaffte lediglich die Glashütte Heidelbach bei Seiffen den Übergang von der Wanderhütte zur sesshaften Hütte. Dies war vor allem der Nähe zu ihren Hauptabnehmern – dem Dresdener Hof sowie denStädten Dresden und Freiberg – zu verdanken. Um 1827 wurde auch diese Glashütte stillgelegt. Dennoch hat die Heidelbacher Glashütte ganz wesentlicheund heute noch wirkende Spuren hinterlassen. So entwickelte sich aus dem Drechseln der Einblasformen, die diese Glashütte unbedingt brauchte, das einmalige Seiffener Reifendrehen. Der Bergbau im Ost-Erzgebirge hatte also zwar schon im 12. Jahrhundert seine Anfänge, aber abgesehen von den äußerst ergiebigen Freiberger und Graupener Revieren hielt sich die Bedeutung noch über zwei Jahrhunderte lang in Grenzen. Ohnehin sind aus dem 13. und 14. Jahrhundert kaum einschneidende Ereignisse bekannt, die das Ost-Erzgebirge betrafen. Die Grenze zwischen der Mark Meißen und dem Königreich Böhmen verschob sich immer mal wieder, meist aber ohne bewaffnete Konflikte. Die Siedlungsentwicklung verlief wahrscheinlich eher ruhig und kontinuierlich. Einige Straßen wurden gebaut (z.B. 1341 Teplice/Teplitz–Moldava/Moldau–Freiberg) und Handelsbeziehungen vertieft. Die dörfl ichen Strukturen festigten sich, die Bauern erfreuten sich noch weitgehender Freiheiten. Die Böden waren dank der nachschaffenden Kraft der Gneisböden noch ergiebig genug, die weitgehend landwirtschaftlich tätige Bevölkerung trotz des sehr schmalen Nutzpflanzenrepertoires (Hafer, Sommerroggen) zu ernähren. Wald gab es noch in Hülle und Fülle, Jagd war noch kein herrschaftliches Privileg und stand allen offen. Dieser ruhigen, wahrscheinlich auch weitgehend friedlichen Zeit im Ost-Erzgebirge folgten ab dem 15. Jahrhundert zwei außerordentlich bewegte Jahrhunderte mit bis dahin ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwüngen, aber auch verheerenden Kriegen und Seuchen. Zwischen 1420 und 1438 erschütterten die Hussitenkriege Böhmen, in die auch Sachsen immer mehr hineingezogen wurde. Das nun überwiegend gerodete Ost-Erzgebirge bildete längst keine unüberwindliche Hürde zwischenden Nachbarländern mehr. Im Gegenteil: die grenznahe Region war von den mit großer Grausamkeit geführten Auseinandersetzungen ganz besonders schlimm betroffen. Disziplinlose Hussitentruppen, marodierende Landsknechte, wahrscheinlich auch kriminelle Banden zogen ab 1430 wiederholt raubend und plündernd durch das Ost-Erzgebirge, legten Städte und Dörfer in Schutt und Asche. 1438 schließlich setzte sich, nach mehreren vorausgegangenen Niederlagen, der sächsische Kurfürst Friedrich II, in der Schlacht bei Brüx (Most) gegenüber den Hussiten durch. Die Hussitenkriege brachten für die weitere Landeserschließung im Ost-Erzgebirge einen beträchtlichen Rückschlag. In einigen Gebieten nahm die Bevölkerungszahl vorübergehend rapide ab, Teile von Dörfern und vorallem außerhalb liegende Vorwerke und Kleinsiedlungen wurden vorübergehend oder auf Dauer zu Wüstungen (z. B. Dittersdorf südlich Friedersdorf, Hohenwalde an der Prießnitz – im „Hochwald“). Doch für eine Regeneration der Natur, für eine nennenswerte Wiederausbreitung des Waldes war die Krise zu kurz.

zurück zum Seitenanfang

Kriege und Krisen (17. bis Anfang 19. Jahrhundert)

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) beendete das „Silberne Zeitalter“ des Erzgebirges. Vor allem ab 1632 litt auch das Ost-Erzgebirge sehr unter den immer wieder mordend und plündernd über die Dörfer und Kleinstädte herfallenden schwedischen oder kaiserlichen Truppen. Ein Ziel hatten die Kriegsparteien zu diesem Zeitpunkt, vierzehn Jahre nach Kriegsbeginn, längst nicht mehr, es herrschte totale Anarchie. In den Bergbaugebieten konnten vielerorts die Menschen ihr nacktes Leben retten, indem sie sich in den Stollensystemen verbargen. Freiberg widerstand sogar sämtlichen Belagerungen.
Doch wer nicht vom Krieg dahingerafft wurde, sah sich von der über Jahre immer wiederkehrenden Pest bedroht. Altenberg hatte allein im Jahre 1633 über 1200 Pestopfer zu beklagen. Es dauerte Jahrzehnte, bis die katastrophalen Schäden des Dreißigjährigen Krieges beseitigt und der wirtschaftliche Rückschritt überwunden werden konnten. Bis weit in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts blieben viele Dörfer entvölkert, manche lagen vollkommen wüst. Die Chronisten berichten beispielsweise vom zeitweilig fast völligem Aussterben von Oberfrauendorf, Bärenfels und Niederpöbel, der Zerstörung von Glashütte sowie vieler Hammerwerke (Schmiedeberg). Von anderen Gemeinden wurden Ortsteile über lange Zeit hinweg aufgegeben (z. B. Oberdorf Nassau). Vermutlich gehen auch einige Wüstungen auf das Konto des Dreißigjährigen Krieges (zwei Wüstungen im Heidenholz bei Börnersdorf, Beilstein zwischen Liebenau und Fürstenwalde). Nicht nur die Gehöfte verwaisten, auch ein großer Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche fiel vorübergehend brach. Der Nutzviehbestand war durch die wiederholten Plünderungen auf einen Bruchteil der Vorkriegszahlen zurückgegangen. Der Bergbau lag da nieder, mithin war auch der Holzbedarf in den meisten Gegenden seit langer Zeit erstmals wieder über einige Jahrzehnte geringer als die Menge des nachwachsenden Holzes. Gehölze breiteten sich auf den ungenutzten Flächen vorübergehend wieder aus, die ausgeplünderten Wälder bekamen eine Verschnaufpause. Selbst Wölfe und Luchse, vorher schon fast ausgerottet, nahmen wieder zu.
Allmählich begann der Bergbau wieder aufzuleben, doch die unter verstärktem Preisdruck der Weltmarktkonkurrenz stehende Silber- und Zinngewinnungkonnte an ihre Vorkriegsbedeutung nicht wieder anknüpfen. Auch organisatorische Straffung (z. B. 1664 die Vereinigung verschiedener Bergwerksunternehmen in der Altenberger Zwitterstocksgewerkschaft) halfen nicht viel. Eisenbergbau und -verarbeitung konzentrierten sich nur noch auf Berggießhübel und Schmiedeberg, aus den ehedem zahlreichen Eisenhämmern des Ost-Erzgebirges wurden, insofern sie nicht völlig vernichtet waren, landwirtschaftlich orientierte Hammergüter oder Sägemühlen.

Die dritte Rodungsperiode

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts versuchten auf sächsischer Seite die Landes- und Grundherren, vor allem im westlichen Teil des Ost-Erzgebirges, ihre entvölkerten und verfallenden Ländereien wieder zu besiedeln. In Böhmen hingegen, das im Dreißigjährigen Krieg an die katholischen Habsburger gefallen war, vertrieb die Gegenreformation in mehreren Wellen die protestantische Bevölkerung. Die Besitzverhältnisse änderten sich hier grundlegend. Städte, Dörfer und Grundherrschaften gelangten in die Hände neuer, kaisertreuer Herren. Viele der fast ausschließlich lutherisch-evangelischen Bewohner des Erzgebirges traf diese Entwicklung wegen der wirtschaftlichen Bedeutung des Bergbaus allerdings erst mit einigen Jahrzehnten Verzögerung. Sachsen nahm die Exulanten auf und siedelte sie teilweise innerhalb der Dörfer an. Wahrscheinlich zu dieser Zeit entstanden in den bis dahin als Wiesen und Weiden genutzten Bachauen der Waldhufendörfer die ersten kleinen Wohngebäude der zumeist landlosen oder landarmen „Häusler“. Manchen Exulanten wurde aber auch die Gründung eigener Siedlungen ermöglicht, z. B. 1650 Deutschneundorf, 1659 Heidelbach, 1671 Georgenfeld, 1728 Neu-Georgenfeld und 1732 Gottgetreu. Aus Dankbarkeit gegenüber dem auf Purschenstein herrschenden Adelsgeschlecht der Schönbergs benannten die Glaubensflüchtlinge drei ihrer neuen Siedlungen Ober-, Nieder- und Kleinneuschönberg. Typisch für viele solcher späten Dorfgründungen sind die kleinen, von Armut zeugenden Häuser, in denen Wohnung, Stall und Scheune unter einem Dach vereinigt waren. Diese Dorfgründungen waren wiederum mit Waldrodungen verbunden. Die entstehenden, meist extrem kleinen Grundstücke konnten kaum ausreichende Ernährung für die Neusiedler sichern. Im sächsischen Zinnwald-Georgenfeld führten die meist aus dem benachbarten Böhmisch-Zinnwald stammenden Bergleute zur Erschließung neuer Bergwerke. Anderswo versuchten die Exulanten, ihren Lebensunterhalt durch Waldarbeit zu sichern. Die Flößerei wurde ausgebaut. Die Herstellung von Holzschindeln, Drechselarbeiten und andere Holzgewerke nahmen in dem Maße zu, wie der Bergbau an Bedeutung verlor. Dieser Prozess verlief keinesfalls kontinuierlich, sondern in einem beständigen Auf-und-Ab. Vorübergehend (z.B. Seiffen um 1700) nahm der Bergbau nochmals hoffnungsvollen Aufschwung, was die Landesherren immer wieder zufördern versuchten (z.B. „Baubegnadigung“ in Glashütte Ende des 18. Jahrhunderts). 1694 bestieg in Dresden Friedrich August I. („August der Starke“) den Kurfürstenthron und setzte eine bis dahin hierzulande ungekannte, fast absolutistische Herrschaftsentfaltung durch. Für den barocken Prunk, aber auch teure außenpolitische Ambitionen (z. B. Kauf der polnischen Königswürde für 39 Mio. Reichsthaler) war die Mobilisierung aller zur Verfügung stehenden Ressourcen erforderlich. Dafür wurde die Landesverwaltung zulasten der Grundherrschaften gestrafft. 1711–21 erfolgte die zweite kartografische Landesvermessung in Sachsen durch Adam Friedrich Zürner, an die noch heute die Postmeilensäulen, z. B. entlang der Alten Dresden-Teplitzer Poststraße, erinnern. Ein dauerhafter Aufschwung resultierte aus solchen Maßnahmen indes nicht.

Die teure Hofhaltung und wiederholte Kriege, in denen Sachsen überwiegend auf der Verliererseite stand, warfen die wirtschaftliche Entwicklung immer wieder zurück. Im Nordischen Krieg (1700–1721) zogen schwedische Truppen durch das Ost-Erzgebirge, im Siebenjährigen Krieg (1756–63) preußische und österreichische/kroatische, in den Napoleonischen Kriegen(1806–1813) schließlich Franzosen, Russen, Preußen u. a. Damit waren zwar nicht mehr Brandschatzungen und wilde Plünderungen verbunden (wie zur Zeit der Hussitenüberfälle oder des Dreißigjährigen Krieges), aber immer wieder kehrende, für die Menschen schier erdrückende Abgabenlasten. Besonders schlimm traf es dabei die Dörfer an den alten Passstraßen (v. a. Sayda, Petrovice/Peterswald, Chlumec/Kulm). Regelmäßig nach Kriegsende veranlasste der Blick in die leere Staatskasse die Kurfürsten zu einem neuen Versuch, den Bergbau wiederzubeleben. So wurde 1765 die Bergakademie Freiberg gegründet, um neue Verfahren zur Erzgewinnung, im Markscheidewesen sowie für die Metallverhüttung zu entwickeln und in die Praxis einzuführen. Internationales Augenmerk erhielt z. B. das 1791 eingerichtete Amalgamierwerk Halsbrücke, in dem die Silbergewinnung aus dem Erz mit Hilfe von Quecksilber erfolgte. Im 18. Jahrhundert wurde das System aus Kunstgräben, Röschen und Teichen – später als Revierwasserlaufanstalt bezeichnet – beträchtlich erweitert, wodurch die Wasserversorgung für das Freiberger Bergbaurevier entscheidend verbessert werden sollte. Aber auch solche aufwendigen Maßnahmen konnten den allmählichen Niedergang des Bergbaus nicht aufhalten. Im 19. Jahrhundert schlossen die meisten Zechen des Ost-Erzgebirges. Zum begrenzenden Faktor der wirtschaftlichen Entwicklung war mehr und mehr die Holzknappheit geworden. Dabei stand nicht mehr so sehr der Bedarf an Brennmaterial im Vordergrund. Holz und Holzkohle wurden allmählich durch Steinkohle aus dem Döhlener Becken sowie Braunkohleaus dem Teplitzer Raum (verstärkter kommerzieller Abbau ab Ende des 18. Jahrhunderts) als Energiequelle abgelöst. Immer gravierender wirkte sich der Mangel an qualitativ wertvollem Bauholz aus. Schon im 16./17. Jh. hatten die Landesherren mit Holzverordnungen versucht, die weitgehend ungeregelte Holzplünderung („Plenterung“) in geordnete Bahnen zu lenken. Im 18. Jahrhundert erkannte man das Problem der Begrenztheit der Holzressourcen immer deutlicher und versuchte, Nachhaltigkeit inder Waldnutzung einzuführen. Wichtige Impulse gingen dabei vom Freiberger Oberberghauptmann Hanß Carl von Carlowitz und seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ (1713) aus, in der erstmals die Notwendigkeit nachhaltiger Holznutzung begründet und „Anweisungen zur Wilden Baumzucht“ (so derUntertitel) gegeben wurden. Erste Versuche mit Nadelholzpflanzung und -saat wurden angestellt, zunächst in Parks auch mit dem Anbau von nordamerikanischen Bäumen experimentiert, die Durchforstung von Jungbeständen kontrovers diskutiertund ausprobiert. Alles dies blieb aber von lediglich punktueller Wirkung. Auch der Zustand der böhmischen Wälder war kritisch, und auch hier unternahm der (österreichische) Staat Versuche, zu geordneteren Formen der Waldwirtschaft überzugehen. Die „Theresianischen Waldgesetze“ (1754) brachten u. a. das Verbot der Streunutzung, Beschränkungen der Waldweide und – am wichtigsten – die Pflicht zur Wiederaufforstung von Kahlschlägen mit sich. 1811 schließlich berief der sächsische König den erfahrenen, vielseitig gebildetenThüringer Forstmann Heinrich Cotta als Direktor der Sächsischen Vermessungsanstalt. Cotta brachte seine private Lehranstalt mit und etablierte diese in Tharandt, aus der 1816 die Königlich-Sächsische Forstakademie hervorging. Er wurde mit der Vermessung, Taxation und Neueinrichtung der sächsischen Landeswälder beauftragt und sollte für eine nachhaltige Holzbelieferung der nun in allmählichem Aufschwung befindlichen Wirtschaft sorgen. Er tat dies mit großer Gründlichkeit. Sein Wirkensollte nicht nur in Sachsen das Bild des Waldes grundlegend verändern – von Tharandt gingen entscheidende Impulse für die Forstwirtschaft Mitteleuropas der nächsten anderthalb Jahrhunderte aus. Um die Jahrhundertwende 1700 war der vom Dreißigjährigen Krieg verursachte Bevölkerungsrückgang weitgehend ausgeglichen, die Zahl der im Ost-Erzgebirge lebenden Menschen nahm wieder zu. Die Sicherstellung der Versorgung mit Lebensmitteln wurde immer schwieriger. Neben Lein (für die Flachsherstellung) bauten die Bauern im Ost-Erzgebirge fast ausschließlich nur Sommerroggen, Hafer, Rot- und Weißkohl an. Ein großerTeil des Brotgetreides und sämtliche Braugerste mussten aus dem Elbtal, der Lommatzscher Pflege und dem Nordböhmischen Becken bezogenwerden. Ab 1680 wurde zwar wiederholt versucht, die Kartoffel im notleidenden Erzgebirge einzuführen, doch die Leute begegneten der fremden Frucht noch fast hundert Jahre lang mit großem Misstrauen. Für die Zuführung von Lebensmitteln mussten Gegenwerte geschaffen werden, was bei dem vielerorts ertragsarmen und nur mit finanziellen Zuschüssen aufrecht zu erhaltenden Bergbau sowie den immer knapper werdenden Holzvorräten nicht einfach war. Gleichzeitig nahm die Bodenfruchtbarkeit in vielen Teilen des Ost-Erzgebirges immer mehr ab. Mehr als ein halbes Jahrtausend waren nun von den meisten Ackerflächen regelmäßig Nutzpflanzen geerntet, der damitverbundene Nährstoffentzug aber nicht ausgeglichen worden. Der anfallende Stallmist gelangte vorrangig in die „Krauthgärten“ in unmittelbarer Hofumgebung. Die weiter entfernt liegenden Flurteile bekamen allenfalls durch die im Winter dort weidenden gutsherrschaftlichen Schafherden etwas organische Düngung. Zwar ist bereits seit dem 16. Jahrhundert Kalkbergbau bei Rehefeld, Hermsdorf und Nenntmannsdorf nachweisbar, auch standen in vielen Orten Kalköfen, doch dürfte dieser Kalk aufgrund der geringen Fördermengen und des hohen Transportaufwandes nur in geringem Umfang zur Düngung verwendet worden sein. Nur beim Anbau von Flachs, der auf ausreichenden Basengehalt des Boden angewiesen ist, war ausreichende Kalkung unverzichtbar. Düngesalze wurden in Sachsen erst ab 1770 eingeführt, Mineraldünger entsprechend der von Liebig begründeten Düngelehre stand nicht vor Ende des 19. Jahrhunderts zur Verfügung. Hinzu kamen die gebietsweise überaus zahlreichen Bergbauhalden, die eine planmäßige Bearbeitung der Felder sehr erschwerten. Im Jahre 1764 klagte der Bärensteiner Richter Johann Gottlob Schumann: „Der Boden ist allhier durchgängig steinigt, voller Berghalden, Steinrücken, auch müssen die Felder 9–10 Jahr bracheliegen wegen nicht genugsamer Düngung“. Besonders die Dörfer in den Kammlagen erlitten durch den Niedergang große, existentielle Not. Auf der böhmischen Seite mussten immer mehr Bewohner täglich in die Städte am Gebirgsfuß absteigen, um das Überleben zu sichern. Mit dem Aufkommen der Industrie im Nordböhmischen Becken Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhundert verstärkte sich der Trend, weite und anstrengende Fußmärsche zu den Arbeitsstätten auf sich zu nehmen. Der Eigenversorgungsackerbau wurde vielerorts allmählich und notgedrungen durch Weidewirtschaft abgelöst, wobei die meisten Weideflächen sicher nicht mehr als magere Borstgrasrasen mit wenig Ertrag waren, auf denen allerdings heutige botanische Raritäten (Arnika, Katzenpfötchen, Läusekraut) wahrscheinlich viel häufiger vorkamen. Das robuste Vieh wurde sicher den überwiegenden Teil des Jahres auf den Weiden gehalten, vermutlich nur bei größeren Schneehöhen kam es in den Stall. Als Wiesen sind auf den Meilenblättern des 18. Jahrhunderts nur die feuchten Talgründe eingezeichnet, die für eine Beweidung ungeeignet waren. Zur Winterfütterung wurden Laubbäume geschneitelt (eine Praxis, die örtlich, z. B. in Glashütte, noch bis zum Ersten Weltkrieg fortlebte). Die geschnittenen Laubzweige kamen zum Trocknen in kleine Holzhütten. Noch heute bezeichnet man die im Ost-Erzgebirge häufigen Datschen als „Laube“. In die Beweidung wurden auch die Wälder einbezogen, sofern es sich nicht um herrschaftliche Jagdbezirke handelte. Die Wald-Feld-Grenzen waren keinesfalls so feststehend und eindeutig wie heute. Sicher wurden für die Viehmast einzelne Hutebäume (Buchen und Eichen) belassen, ansonsten aber waren die Bedingungen für Waldwachstum eher ungünstig. Die Bauern im oberen, kargen Gebirge hielten vor allem Ziegen als Nutztiere, die „Kuh des kleinen Mannes“ („Ziegen-Geising“). Wo der Boden etwas mehr hergab, besaßen die Osterzgebirgler auch kleine, gedrungene Rinder, deren Rassemerkmale heute wahrscheinlich ausgestorben sind. Bäuerliche oder gemeindliche Schafhaltung hat es kaum gegeben. Um 1580 hatte der sächsische Landesherr ein Verbot erlassen, das all denjenigen, die kein Land besaßen, die Schafhaltung gänzlich untersagte und den Schafbesitz der bäuerlichen Landbesitzer begrenzte. Damit sollte wohl dem ständigen Streit zwischen Grundherren, die große Schafherden besaßen, und Bauern um die Weiderechte beigekommen werden. Trotzdem bedeuteten die großen herrschaftlichen Schafherden für die Bauern häufig eine hohe Belastung, zumal die– durchaus erwünschte – Winterbeweidung der Äcker und Wiesen häufig überzogen wurde, da die den Grundherren unmittelbar gehörenden Flächen im Sommer für die immer größer werdenden Schafherden nicht ausreichten. Einen enormen Aufschwung nahm die Schafzucht nach der Einkreuzung spanischer Merinos um 1765. 1830 beschwerten sich die Untertanen von Purschenstein beim sächsischen König, dass der Schafbestand des Rittergutes in den letzten sechs Jahren auf 2500 Stück und mehr angewachsen sei und auf den Feldern großen Schaden anrichte. Die Landschaft des Ost-Erzgebirges wurde zu dieser Zeit in wesentlichem Maße von den großen gutsherrschaftlichen Schafherden mitgeprägt –durch deren (selektives) Fraßverhalten, den scharfen Tritt der Hufe und den Transport von Pflanzensamen über weite Entfernungen. Den Bauern eröffnete sich im 18. Jahrhundert in beschränktem Maße die Möglichkeit, Butter und Fleisch nach Dresden (und Freiberg) zu verkaufen. Seit Ende des 17. Jahrhunderts besaß Sachsen ein „Stehendes Heer“, für dessen Pferde Heu geliefert werden konnte. Die Möglichkeiten des Handels mit Produkten der Viehzucht blieben aber noch begrenzt, zum einen aufgrund der schwierigen Transportverbindungen, zum anderen aber wegen der geringen Erträge einer solch extensiven Tierhaltung auf Böden, die kaum noch über ausreichende Nährstoffe verfügten. Die Versorgungsengpässe spitzten sich immer mehr zu, bis zu den schlimmen Hungerjahren 1772/73. Spätestens jetzt wurde sowohl den Bauern, die sich bislang allen Neuerungen (z. B. Kartoffelanbau) verschlossen hatten, als auch den Landesherren klar, dass für eine ausreichende Nahrungsmittelversorgung neue Wege beschritten werden mussten. Vom Geiste der Aufklärung beseelt, waren es vor allem Geistliche und Intellektuelle, die Ende des 18. Jahrhunderts in den Dörfern des Erzgebirges bodenverbessernden Leguminosenanbau (v. a. Klee und Wicken) propagierten. Fürdiese Bewegung steht vor allem der Name Johann Christian Schubart von Kleefeld, der zwar von Zeitz aus die Landwirtschaft Sachsens zu reformieren bestrebt war, aber auch mit fortschrittlichen Pfarrern, Rittergutsverwaltern und Lehrern im Erzgebirge in regem Briefwechsel stand. Auch im Ost-Erzgebirge wurden damit die Dreifelderwirtschaft weitgehend abgelöst bzw., im oberen Gebirge, die Brachephasen wesentlich verkürzt. Neben Kartoffeln, die zur Hauptnahrung der Erzgebirgler wurden („Ardäppeln“= Erdäpfel, „Abern“ = Erdbirnen), kamen jetzt auch Rüben und verbesserte Getreidesorten (Winterroggen, Weizen, Gerste) zum Anbau. Der Erfolg war durchschlagend: Die unteren Lagen des Ost-Erzgebirges entwickelten sich in wenigen Jahrzehnten zu einem landwirtschaftlichen Überschussgebiet, von hier aus konnte nun die Versorgung der naturbedingt benachteiligten Kammgebiete miterfolgen. Die Einführung des Anbaus von Klee und Wicken ermöglichte nun Rinderzucht auch in Gegenden mit wenig Wiesenwuchs. Verbunden damit war die Aufstallung des Viehs, z. T. sogar ganzjährig. Das machte eine wesentlich intensivere Nutzung möglich. Im Müglitztal breitete sich das Fleischerhandwerk, begünstigt durch Dresdner Marktprivilegien, aus. Auch dem Wiesenbau wurde jetzt verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet, Feuchtwiesen wurden trockengelegt und Hangwiesen über Gräben nährstoffreicheres Wasser zugeleitet. Nur selten haben sich Spuren einer solchen Wiesendüngung und -bewässerung („Wässerwiesen“) bis heute erhalten können. Nach Schumann‘s Lexikon von 1814 sollen die landwirtschaftlichen Verhältnisse in der „Dippoldiswalder Pflege“ Anfang des 19. Jahrhunderts nicht schlecht gewesen sein, denn die „Einwohner befinden sich im ganzen in gutem Wohlstand“. Sie seien im Vergleich mit anderen Gegenden „gebildet und gesittet“.

zurück zum Seitenanfang